Kerstin hat ihren Ärger nicht immer im Griff und möchte unbedingt etwas an sich verändern. Sie ist Chefin einer erfolgreichen Werbeagentur und wird von ihren Kollegen(innen) dafür geschätzt, dass sie so direkt und ehrlich ist. Gleichzeitig fürchten die anderen aber auch ihre plötzlichen Wutausbrüche. Die treten oft ohne ersichtlichen Grund auf und hören genauso abrupt wieder auf.

In der Arbeit kann sich Kerstin dieses Verhalten vielleicht leisten. Aber im Privatleben stellt sie fest, dass sie ihren Partner immer mehr vergrault. Sie fragt sich, ob die Anlässe für ihre Wutausbrüche im Großen und Ganzen eigentlich nicht immer die gleichen sind. Dann müsste sich doch was daran ändern lassen …

Wut – wie entsteht sie?

Wir werden oft verärgert oder wütend, wenn unsere Werte verletzt werden, wenn wir uns angegriffen oder sogar beleidigt fühlen. Je niedriger unser Selbstwertgefühl ist, desto weniger Stärke können wir Angriffen entgegensetzen. Ein niedriges Selbstwertgefühl findet man oft bei Menschen, die übertrieben hohe Ansprüche an sich selbst stellen. Das geschieht zum Beispiel, wenn wir Fehler, die wir als Menschen nun mal ständig machen, nicht grundsätzlich als Teil des Lebens akzeptieren.

Perfektionistische Menschen sehen ganz normale Fehler als persönliche Schwächen an. So setzt sich auch Kerstin hohe Ziele und ist äußerst selbstkritisch. Dabei hat sie ein starkes Bedürfnis nach Anerkennung. Diesem versucht sie durch übereifriges Verhalten und genaues Zeitmanagement gerecht zu werden. Sie ärgert sich leicht und oft über sich selbst – da kommt schnell Wut auf. Diese wird dann spontan in Form von heftigen Äußerungen anderen gegenüber kundgetan. Oder Kerstin richtet ihren Ärger nach innen, wo er erst mal unterschwellig bleibt und sich langsam, aber sicher, zu Wut aufstaut. Schließlich kommt es durch die immer wieder runtergeschluckten Gefühle zu heftigen Ausbrüchen – Kerstin „platzt“ buchstäblich“ vor Wut.

Anders ihr Partner: Er hat sich bisher noch nie besonders viele Gedanken um Emotionen gemacht. Nun fällt es ihm immer schwerer, mit Kerstins impulsivem Verhalten umzugehen. Er reagiert mit jedem Mal empfindlicher auf ihre Wutausbrüche. In den Life-Coaching-Gesprächen stellt sich heraus, dass Kerstin genau so hohe Anforderungen an ihren Partner stellt wie an sich selbst. Da dieser ihre Ansprüche nicht erfüllen kann und auch nicht erfüllen mag, fühlt sie sich unverstanden und zurückgewiesen. Zusätzlich ist Kerstin darüber frustriert, dass er ihre Gefühle als „irrational“bezeichnet.

Was ist der Unterschied zwischen Wut und Jähzorn?

„Jähzorn“ wäre für Kerstins Situation am Arbeitsplatz eigentlich die genauere Beschreibung, da die Wut hier plötzlich (jäh) aus ihr herausbricht. Ein minimaler Anlass genügt, um sie auf die Palme zu bringen. Im Gegensatz zu „Wut“, die meistens ein deutliches Ziel hat und eigentlich sogar positive Veränderungen bewirken will, hat „Jähzorn“ etwas Willkürliches.

Jähzorn ist auch nicht auf (positive) Veränderungen ausgerichtet, wie z.B. Kerstin sie sich bei ihrem Partner wünscht. Kerstin ist aber klar geworden, dass sie sich mit ihrem Jähzorn und ihren Wutanfällen selbst im Weg steht. Durch ihr Verhalten am Arbeitsplatz erschwert sie sich selbst eine erfolgreiche Zusammenarbeit mit den Kollegen und sie demotiviert Mitarbeiter, die nicht mehr frei und selbstbestimmt arbeiten können. Im Privatleben stößt sie ihren Partner mit ihren Wutausbrüchen regelrecht vor den Kopf und verhindert damit eine erfüllende Beziehung. Außerdem sabotiert sie sich selbst durch diese ständigen negativen Emotionen und hindert sich selbst daran, ihre eigentlichen Ziele im Leben zu verfolgen.

Wie zeigt sich Wut an der Mimik?

Bei Wut bewegt sich unsere Miene entweder leicht („kurzer mimischer Ausdruck“, z.B. wenn die Wut verdrängt wird) – oder das Gesicht verändert sich ganz deutlich („mimisch sichtbar“, wenn Wut voll ausgedrückt wird). Dann ist sie auf den ersten Blick zu erkennen als sogenannte „Vollemotion“. Bei einer Vollemotion ziehen sich die Augenbrauen zusammen. Der typische ’stechende Blick‘ entsteht. Manchmal schiebt sich der Unterkiefer nach vorn. Es gibt auch Menschen, die die Lippen aufeinander pressen, bis diese ganz schmal erscheinen. Daher werden „schmallippige“ Mitmenschen leicht für kalt oder sogar feindselig gehalten (so der Psychologe Paul Eckmann).

Wie gehe ich mit meiner Wut um?

Wut wird kontrollierbar, wenn ich gelernt habe, die Emotion als Teil meiner Persönlichkeit zu akzeptieren. Zusammen mit Ekel und Verachtung formt sie nach der „emotions theorie“ von Carroll E. Izard die „drei negativen Emotionen“, die jeder Mensch ab und an in sich verspürt. Die Akzeptanz eines Gefühls setzt zunächst voraus, dass ich mein Gefühl als solches benennen, also seiner Natur nach als negative Emotion wahrnehmen kann.

Das macht es mir möglich zu erkennen, wann welche meiner Werte verletzt werden. Konkret gesagt: Wenn ich bemerke, dass mich etwas „auf die Palme bringt“, kann kann ich überlegen, worüber ich mich eigentlich genau ärgere. Welcher Auslöser steigert meinen Ärger zur Wut? Wann erreiche ich den Punkt, an dem ich ausraste? Genauso wichtig wie das Wahrnehmen der Art meiner Gefühle ist das Erkennen ihrer graduellen Unterschiede. Nach und nach lässt sich erlernen, rechtzeitig einzugreifen, um Wutausbrüche im Keim zu ersticken. Ich kann beispielsweise gedanklich eingreifen, ich kann meine Atmung bewusst verändern oder ich kann mich entscheiden, die Wutquelle ganz zu verlassen.

So kann ich erlernen, wie ich verhindere, dass sich eine Emotion verselbstständigt und mich als dauerhaftes Gefühl begleitet oder sogar quält. So schaffe ich es, dass sich Wut nicht in Hass verwandelt. Aber wie kommuniziere ich mit jemandem, der wütend ist?

Wie kommuniziere ich wenn ich wütend bin?

Generell ist es hilfreich, Wut nicht auf die Person zu richten und damit zu verallgemeinern. Besser ist es zu schauen welches Gefühl oder welchen Wert verletzt wurde und das klar auszudrücken. Nicht zielführend wäre also „Das ist echt typisch für dich, du bist immer so….“. Besser: „Ich möchte gerne, dass du in Zukunft….“ So wird auch niemand persönlich attackiert – was erneut Wut auslösen und zusätzlich zu einem Streit führen könnte.

In der wertefreien Kommunikation wird von Ich-Botschaften gesprochen. Ziel ist es, die eigenen Gefühle und Gedanken auszusprechen und nicht für oder über den anderen zu sprechen oder ihn persönlich anzugreifen (durch Du-Botschaften).

Was sind die positiven Aspekte von Wut?

Wenn schnelles Handeln angesagt ist, kann Wut sogar sachdienlich sein: Tatkräftige Menschen scheuen weniger Konflikte und halten sich seltener mit umständlichem Abwägen auf. Sie riskieren lieber Ärger und Wut, als Umwege zu gehen, und kommen so oft schnell und effektiv an Ziel.

Tatkraft als Stärke und das Streben nach Gerechtigkeit wären ohne Wut kaum denkbar. Denn auf dem direkten Weg zum Ziel finden sich immer auch Steine und Hindernisse, die Konflikte fast automatisch nach sich ziehen. In diesem Sinne ist Wut auch eine Kraft, die zu Taten führen kann.

Die auf der Zielgeraden mit der Wut verbundene Aggression enthält manchmal eine Energie, die konstruktiv genutzt werden kann, um eine persönliche Entwicklung zu ermöglichen. Das wird deutlich am Beispiel der Angst als Gegenteil zur aggressiven Wut, denn Angst ist nicht nach vorn gerichtet, wirkt lähmend und hemmt die (persönliche) Entwicklung.

In der Kommunikation kann Wut bisweilen als konstruktives Element eine Rolle spielen. Sie verleiht Energie, um sich argumentativ zu engagieren, sie gibt einer Auseinandersetzung die Kraft der Aggression, um beim Gegenüber Kreativität herauszufordern. Das funktioniert aber nur, wenn die anderen Beteiligten als Diskussionspartner respektiert werden. Wut kann sich nämlich auch schnell ins Gegenteil verkehren: Sie verwandelt sich zum destruktiven Element, sobald kein direkter Kontakt mehr unter den Beteiligten herrscht und die Wut nicht mehr differenziert wird und sich gegen alles und jeden richtet.

Übung mit dem Life Coach

Entscheidend ist hier wie ein Life Coach dazu beitragen kann, dass der Klient lernt, seine Wut richtig zu deuten, zu kontrollieren und als positive Kraft zu nutzen. Für den Life Coach ist es wichtig zu beobachten, wann genau besagte Wut auftritt und welche Auslöser es gibt. Er versucht herauszufinden, in welchen Werten der Klienten sich verletzt fühlt und weshalb sein Selbstwertgefühl geschwächt ist.

Um den Symptomen des Alarmzustandes entgegenzuwirken, in welchen der Körper des Klienten im Zustand der Wut versetzt wird, hilft er diesem, einen geeigneten Ausgleich zu finden. Das könnte – je nach Temperament und Vorlieben – sportliche Aktivitäten oder meditative Übungen sein. Die mentale Arbeit wird durch eine Art Buchführung vorangetrieben: Vorwürfe, Gedanken und Gefühle sind leichter zu kontrollieren, wenn sie aufgeschrieben werden. Diese Aufzeichnungen geben oft Aufschluss über die Wut auslösenden Quellen.

© Timo ten Barge [22.10.2017]