Silvia macht einen selbstsicheren Eindruck, doch der Schein trügt. Sie hat einen sicheren Job als Beamtin, aber durch Long Covid kann sie nur noch halbtags arbeiten. An der Arbeit fühlt sie sich von ihrem Chef nicht wertgeschätzt. Sie arbeitet so viel wie andere in Vollzeit. Dafür wird sie zwar ab und zu gelobt, aber es fühlt sich irgendwie willkürlich und nicht authentisch an. Sie bekommt nicht die Anerkennung, die sie sich wünscht.

Früher erging es ihr anders, als sie noch einen mitfühlenden Chef hatte, der inzwischen leider in Rente ist. Der war zwar sehr direkt und dadurch auch schon mal kränkend, aber die Anerkennung, die Sivia von ihm bekam, schien von Herzen zu kommen. Woran das lag, kann sie nicht erklären. Im privaten Bereich hat Silvia ebenfalls Probleme. Ihr Hauptanliegen dort ist die schlechte Kommunikation in ihrer Partnerschaft. Auch hier spielt das Thema Anerkennung – wie sich herausstellen wird – eine zentrale Rolle.

 

ÜBERSICHT BLOG

1 Bedeutung von Anerkennung bei Silvia
2 Test: Bin ich süchtig nach Anerkennung?
3 Was ist Anerkennung?
4 Ist Lob manipulativ?
5 Hilfestellung Life Coach
6 Anerkennung in der Psychologie
7 Bedürfnis nach Anerkennung Grafik (Silvia)
8 Aufschlüsselung Testfragen Lob, Wertschätzung

 

Bedeutung von Anerkennung bei Silvia

In der ersten Session wird deutlich, dass Silvias Gefühl sie nicht trügt: Ihr momentaner Chef hat nicht sie, sondern nur ihre Leistung im Blick. Seine sparsamen Komplimente sind unaufrichtig. Er hat noch nicht einmal nachgefragt, wie es ihr mit ihrer Long-Covid-Diagnose geht. Da die Kommunikation so schlecht ist und der Chef immer wieder Wutanfälle hat, kommt Silvia zu dem Schluss, dass es so nicht weitergehen kann und dass sie etwas an dieser Situation ändern und eventuell sogar einen Berufswechsel in Betracht ziehen muss.

Einige Wochen später kann sie die Abteilung wechseln. Ihr neuer Vorgesetzter ist eine Frau. Diese ist etwas schüchtern, aber sehr empathisch. Mit ihr gelingt Silvia die Kommunikation viel besser und das Wichtigste: Die neue Chefin kann wirklich zuhören. Silvia ist glücklich über die neue Werschätzung, die sie erfährt.

Das zweite Leitthema ist die Kommunikation mit ihrem Freund. Er wird in Gesprächen schnell emotional bzw. wütend. Silvia hält für gewöhnlich dagegen. Weil sie ihm rhetorisch überlegen ist, kommt es immer wieder zu unnötigen Konflikten. Ihr Freund hat nicht studiert und fühlt sich Silvia unterlegen, obwohl er sich in vielen Themenbereichen gut auskennt. Er kompensiert die empfundene Unterlegenheit, indem er viel liest und sich viele YouTube-Filme anschaut. Silvia überlegt, ob ihm eine Psychotherapie helfen könnte, aber das lehnt er ab.

Ich empfehle Silvia, eine Wert-freiere Haltung anzunehmen. Sie versteht, dass sein Bedürfnis nach Anerkennung in den gemeinsamen Diskussionen sehr groß ist. Statt cool dagegen zu halten, zeigt sie jetzt Einfühlungsvermögen, indem sie einfach mal interessiert nachhakt. Diese wertfreie Haltung übernimmt nun auch ihr Freund immer mehr, wodurch sich die Kommunikation in der Beziehung sichtlich gebessert hat. Er fühlt sich jetzt wahrgenommen und wertgeschätzt, Silvia ebenso.

 

Test:

Beantworte die Fragen mit „ja“ oder „nein“. [unten Aufschlüsselung]

1) Entscheidungen zu treffen fällt mir leicht.
2) Ich vernachlässige mich manchmal, indem ich zu viel arbeite.
3) Meine Eltern hatten hohe Ansprüche an mich.
4) Bei dem Treffen von Entscheidungen und dem Erreichen von Zielen bin ich selten von anderen abhängig.
5) Wenn ich länger kein Lob bekomme, fühle ich mich schlecht.
6) Wenn ich Kritik bekomme, kann ich gut damit umgehen.
7) Ich überlege oft, wie ich auf andere wirke.
8) Oft vergleiche ich mich mit anderen, vor allem mit Menschen, die ihre Berufung leben.
9) Nein-Sagen fällt mir leicht.
10) Ich teile anderen mit, was in mir vorgeht, habe keine Angst vor unguten Reaktionen.

 

Was ist Anerkennung?

Bei Anerkennung geht es nach dem Psychologen Steven Reiss darum, geschätzt zu werden, wie man ist. Hier betont Reiss also die wertschätzende Komponente von Anerkennung. Dieses Bedürfnis heißt bei Reiss “desire for approval“.

Im Englischen ist der Unterschied zwischen Lob und Wertschätzung noch pregnanter:“Recognition is about what people do; appreciation is about who they are.“ Man kann Anerkennung in Form von Lob oder Wertschätzung erhalten. Es gibt allerdings einige wichtige Unterschiede zwischen Lob und Wertschätzung:

 

Lob

1)Der Fokus des Lobs liegt auf der Leistung, nicht auf der Person, die gelobt wird.
2) Lob erfolgt „top down“, d.h. ein Vorgesetzter lobt seinen Untergebenen, nicht anders herum.
3) Ein Lob kann manipulativ sein, also Mittel zum Zweck, damit jemand z.B. seine Leistung steigert.
4) Lob kann süchtig machen. Wenn das Lob einmal ausbleibt, fühlt man sich weniger wert, also minderwertig oder sogar wertlos. Das kann zum Burnout führen.
5) Eine Folge dieser „Sucht“ ist die Empfindung, fremdbestimmt zu sein.
6) Lob motiviert nur kurz, der Einsatz verpufft schnell.

 

Wertschätzung

1) Der Fokus liegt auf dem Menschen, unabhängig von seiner Leistung.
2) Wertschätzung findet auf Augenhöhe statt.
3) Wertschätzung enthält Werte wie Ehrlichkeit, Respekt und Offenheit.
4) Der Selbstwert steigt bei Wertschätzung, da wir ja als ganze Person wahrgenommen werden.
5) Die Erfahrung, sich wertvoll zu fühlen, führt zu Selbstbestimmtheit, zu einem Gefühl von Freiheit.
6) Wertschätzung ist die Triebfeder für Motivation schlechthin, wenn sie aufrichtig und authentisch ist.

 

Ist Lob also manipulativ und schlecht?

Wenn an der Arbeit Lob und Wertschätzung im Gleichgewicht sind, ist nichts gegen ein Lob einzuwenden. Wenn ich auch mal unabhängig von meiner Leistung anerkannt werde, kommt ein Kompliment oder ein Lob ehrlich an.

Wenn ich an der Arbeit als Person wahrgenommen werde, wenn ich also Aufmerksamkeit bekomme und eine freundschaftliche Atmosphäre herrscht, ist ein Lob nicht als manipulativ oder schlecht einzustufen. Wenn eine generelle Wertschätzung völlig fehlt, dagegen schon.

 

Hilfestellung Life Coach

Wie in dem Beispiel (Anerkennung bei Sivia) deutlich geworden ist, zeigt sich Anerkennung in verschiedenen Gestalten und in verschieden Lebensbereichen. Als Life Coach ist es wichtig, in den Gesprächen genau hinzuhören. Empathisches Zuhören ist nämlich genau jene Qualität, die bei fehlender Anerkennung vermisst wird. Hören, was jemand zu sagen hat, welche Probleme jemand hat, ist für sich genommen schon ein Zeichen von Anerkennung.

Ich gebe Silvia einfache Übungen mit, die sie im Beruflichen, aber auch Privaten umsetzen kann. Es geht darum, Anerkennung im Alltäglichen zu zeigen. Das geht am besten durch:

• das Zeigen von Interesse, auch beim Smalltalk
• weniger Wertung, mehr Wertschätzung
• das Wahrnehmen und äußern von positiven Gefühlen
• die Anwendung von wertfreier Kommunikation
• die Hinwendung in der Körpersprache

 

Anerkennung in der Psychologie

Jeder möchte Anerkennung bekommen, will gemocht oder geschätzt werden. Das zeigt sich in unserem Selbstwert. In einer intakten Kindheit bekommen wir viel Anerkennung und Zuneigung. Die Wahrscheinlichkeit ist dann groß, einen positiven Mindset zu entwickeln, und zielführend seine Stärken zur Geltung zu bringen.

Wer aber zu wenig Wertschätzung in der Kindheit bekommt, wird später süchtig danach. Ein Mangel an Anerkennung kann folgende Auswirkungen haben:

• pausenlos auf der Suche nach Anerkennung (Suchtverhalten) sein
• alles perfekt machen wollen (Perfektionismus)
• sich schnell kritisiert und bedroht fühlen (Kritikanfälligkeit)
• sich minderwertig fühlen (niedriger Selbstwert)
• viel grübeln (innere Kritiker)

 

Bedürfnis nach Anerkennung (Grafik)

Das unterstehende Modell (Selbstwerteinschätzung nach Mrug) erklärt, wo sich Silvia und ihr Freund in ihrem Ringen um Anerkennung einordnen lassen.

1) Defensive Selbstwertschätzung 1:
Anerkennung durch Bestätigung von Außen -> Kompetenz wird übersteigert (Freund Silvia)

2) Hohe Selbstwertschätzung:
Selbst-Anerkennung -> Zufriedenheit = (idealer Zustand)

3) Niedrige Selbstwertschätzung:
Bedürfniss nach Anerkennung zeigt sich in Rückzug und Vemeidung -> Angst

4) Defensive Selbstwertschätzung 2:
Anerkennung durch Leistung -> Perfektionismus (Silvia)

Anerkennung Modell - Selbstwertschätzung nach Mruk

 

Ergebnis Selbst Test

1 Punk für ja bei: Frage 2, 3, 5, 7, 8
1 Punkt für nein bei Frage: 1, 4, 6, 9, 10

unter 5 Punkte:

Du bist wahrscheinlich nicht süchtig nach Anerkennung. Du hattest wohl genug Zuneigung und Wertschätzung in deiner Kindheit. Zumindest kennst du jetzt genug Menschen um dich herum die dich wertschätzen als Mensch, wie du bist. Du bist für deinen Selbstwert also nicht abhängig von Lob und Komplimenten von anderen.

über 5 Punkte

Du hast ein eher großes Bedürfnisse nach Anerkennung. Sowohl beruflich als auch privat brauchst du viel Bestätigung von anderen. Im sozialen Umgang mit Familie, Freunden oder Kollegen, bist du abhängig davon was andere von dir halten. Bekommst du Anerkennung, geht es dir gut, bekommst du zu wenig oder gar keine Anerkennung, geht es dir nicht gut. Dein Selbstwert ist eher niedrig und schwankt.

 

© Timo ten Barge [18.11.2021]