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Das Selbst-Verständnis – Die Suche nach der wahren Identität

von | Persönliche Entwicklung | 2 Kommentare

Viele Bücher, vor allem aber Selbsthilfebücher handeln vom Selbst, von persönliche Entwicklung. Wer oder was ist dieses Selbst? Gibt es überhaupt einen Kern hinter dem Selbst der übrig bleibt, wenn man alle Masken abnimmt. Wenn eine Person keine bestimmte (soziale) Rolle mehr spielt, sondern nur noch sie selbst ist?

 

Facetten der Identitätsfindung

Auch im Coachingbereich wird vom ‚Selbst‘ gesprochen. Im Fokus stehen dann die Selbstoptimierung und Analyse der persönlichen Stärken und Schwächen. Zentral stehen auch die Motivation, die Lebensziele und vor allem, den richtigen Mindset.

In der Philosophie geht es eher um Selbstreflektion, in der Psychologie häufig um den Selbstwert, um Gefühle. Bei Soziologen hingegen geht es um Selbstbestimmung und Arbeit. In spirituellen Kreisen wird versucht, das wahre und authentische Selbst, also den eigenen Kern zu finden.

 

Die Suche nach dem Selbst

Die Frage nach der eigenen Identität und der damit verbundenen Selbstentwicklung beschäftigt seit Langem viele Denker. In diesem Blog werden verschiedene Perspektiven auf das Selbst vorgestellt, die von kritischen und realistischen Ansätzen bis hin zu idealistischen, pessimistischen und humorvollen Sichtweisen reichen.

Diese verschiedenen Ansichten spiegeln die Vielschichtigkeit und Komplexität des Konzepts wider und werfen die Frage auf, ob es überhaupt einen Kern gibt, der bleibt, wenn wir alle Masken abnehmen und keine bestimmten sozialen Rollen mehr spielen.

 

Kritische Auffassung vom Selbst

Der Wirtschaftspsychologe Kahneman erklärt in seinem Buch ‚Thinking, Fast and Slow‘, dass wir ein erlebendes und ein erinnerndes Selbst haben. Das erste Selbst lebt in der Gegenwart, also im unmittelbaren Moment. Das zweite schaut zurück und erzählt Geschichten, basierend auf den Erinnerungen.

Es entscheidet letztendlich, ob wir eine Situation als positiv oder negativ einschätzen. Wenn wir gelegentlich über das Glück nachdenken, scheinen wir gemäß Kahneman, diese beiden ‚Selves‘ oft zu verwechseln. Wenn ich also viele Jahre zufrieden (in einer Firma) arbeite und in den letzten Monaten unzufrieden bin, wird die Erinnerung einen grauen Schleier über diesen Zeitraum legen. Er nennt dies ‚the tiranny of the remembering self‘.

Sein Fazit: ‚Ich bin mein rückblickendes Selbst. Mein erlebendes Selbst, das das Leben für mich pflegt und betreut, ist wie ein Fremder für mich.‘

 

Realistische Auffassung vom Selbst

Die Soziologin Brinkgreve meint in ihrem Buch ‚De ogen van de ander‘, dass am Anfang der Entwicklung des Selbstgefühls und Selbstwertes die Augen der anderen stehen. Das Selbst hat keinen eigenständigen Kern, sondern wird ständig gestaltet im Umgang mit anderen, zum Beispiel wenn ich Lob oder Anerkennung bekomme.

‚Einsehen, dass der andere einen prägt, heißt nicht, dass man mit diesem anderen verschmilzt. Die Einsicht nimmt einem nur die Illusion, dass man völlig eigenständig das Skript seines Lebens schreiben kann.‘ Man erfährt seine Eigenheit und Beständigkeit erst durch den Blick des anderen.

Die gleiche entfremdende Wirkung hat beispielsweise auch das Reisen. Man hört diesbezüglich oft, dass Menschen einen neuen Blickwinkel bekommen haben, eine Art Erweiterung und Vertiefung ihrer  Identität.

 

Pessimistische Auffassung vom Selbst

Wer keine Lust hat, im ‚Hier und Jetzt‘ zu leben und lieber vor der Gegenwart flieht, kann  sich betäuben mit Alkohol oder Drogen, kann untertauchen in TV-Serien oder sich in seiner Arbeit vergraben.

In diesen Momenten ist man wenigstens nicht mit „sich-selbst“ konfrontiert. Arbeitssucht kann entstehen, wenn ein Großteil der Freizeit mit Arbeit gefüllt wird und die Arbeit zum alleinigen Lebensinhalt wird. Gefördert wird diese Situation, wenn persönliche Merkmale wie Perfektionismus, also ein nicht zielführendes Perfektionsstreben hinzukommen.

Soziale Aspekte können auch Auswirkungen haben, nämlich wenn Leistung und Erfolg alleinige Voraussetzungen für Anerkennung sind. Arbeitssucht wird oft erst als Burnout erkannt, wenn körperliche Beschwerden entstehen. Probleme häufen sich wenn die Leistung abnimmt, Familie und Freunde vernachlässigt werden und schließlich die Lebensfreude insgesamt abnimmt.

 

Idealistische Auffassung vom Selbst: Der Mystiker

Im Jahr 1977, im Alter von 29, nach einer schweren Depression hatte der Autor und Mystiker Eckhart Tolle im ‚Jetzt‘ eine Erleuchtung, durch die er seine Identitätskrise überwand. Das Selbst als Träger von negativen Gedanken wurde abgeworfen. Das Bewusstsein als Behälter von Gedanken befreit. Das Selbst, den inneren Kritiker, mit seiner Schwere, seiner ständigen Angst vor der Zukunft, war zusammengebrochen. Es hatte sich aufgelöst.

Was Tolle nach eigener Erfahrung geschafft hatte, war es, quasi über den Strom der Gedanken hinauszugehen, in das Reich der Stille. Als er dann am nächsten Morgen aufwachte, stellte er fest, dass es für ihn kein ‚Gedanken-Selbst‘ mehr gab, nur ein Gefühl der Präsenz und des Seins. Beim Spazieren spürte er ein Gefühl von Frieden in seiner Wahrnehmung der Dinge, auch in Dingen, die eher Hektik verbreiten wie der Verkehr.

Wie der antike Philosoph Epiktet stellte er fest, dass es nicht die Dinge sind, die einen beunruhigen, sondern unsere Meinung über die Dinge. In diesem Fall schaffte er es, seine erdrückenden Gedanken hinter sich zu lassen und von da an achtsam zu leben.

Sein Fazit: ‚Wenn du den Kontakt mit deiner inneren Stille verlierst, so verlierst du den Kontakt mit dir. Wenn du den Kontakt mit dir verlierst, verlierst du dich selbst in der Welt.‘

 

Naturalistische Auffassung vom Selbst: Der Philosoph

Wie schon David Hume im 18. Jahrhundert schrieb der Philosoph Thomas Mentzinger in der Neuzeit in seinem ‚Essay Concerning Human Understanding‘, dass das Selbst nichts anderes sei, als eine Sammlung unterschiedlicher Wahrnehmungen. Demnach gibt es kein einheitliches ‚Selbst‘. Aber weil unsere Wahrnehmungen irgendwie zusammenhängen, erfinden wir Hume zufolge Konzepte wie das ‚Ich‘ oder die ‚Seele‘.

Mentzinger, der im Gegensatz zu Hume aus der modernen Neurowissenschaft schöpfen kann, würde sagen, dass unser Selbst von unserem Gehirn erzeugt wird. Das ‚Selbst‘ oder ‚Ego‘ ist kein Männchen im Kopf, auch kein Ding, sondern ein Vorgang. Er möchte den Personenstatus oder unser Selbstgefühl nicht zerstören oder wie Hume gänzlich anzweifeln, sondern weist auf die allgemeine Beschränktheit der Sinne hin. In seinem Buch ‚Egotunnel‘ (2011) erklärt er, dass der Inhalt unseres bewussten Erlebens ein inneres Konstrukt ist und dass Information außerdem sehr selektiv dargestellt wird:

‚Was wir sehen und hören oder ertasten und erfühlen, was wir riechen und schmecken, ist nur ein kleiner Bruchteil dessen, was tatsächlich in der Außenwelt existiert. Unser bewusstes Wirklichkeitsmodell ist eine niedrigdimensionale Projektion der unvorstellbar reicheren und gehaltvolleren physikalischen Wirklichkeit, die uns umgibt und uns trägt.‘

 

Humoristische Auffassung vom Selbst: Der Komiker

Was ist das ‚Selbst‘ über die Zeit hinweg? In dem nachstehenden Beispiel geht der Komiker Epicharmus der Frage nach, ob die Personen wie der Schuldner und dessen Gläubiger noch dieselben mit gleichen Verantwortungsansprüchen sind, da sie ständigen Veränderungen unterworfen sind.

Ein Mann wird von seinem Gläubiger aufgefordert, seine Schulden zu bezahlen. Anstatt das verlangte Geld zu bezahlen, stellt der Mann seinem Gläubiger folgende Frage:

„Ist es nicht richtig, dass jeder Gegenstand, der ständigem Wandel unterworfen ist, niemals derselbe bleibt, sondern heute ein anderer als gestern und morgen ein anderer als heute ist? […] wie ein Haufen Steine, von dem man einen Stein wegnehme, nicht mehr der gleiche Haufen ist?“ Der Gläubiger stimmt ihm zu und räumt ein, dass dies auch auf die Menschen zutreffen müsste.

Der Schuldner formuliert daraufhin rhetorisch geschickt die Konsequenz: Er sei heute nicht mehr derselbe Mensch wie derjenige, dem der Gläubiger das Geld gegeben hätte, folglich sei er ihm auch nichts schuldig. Der Gläubiger holt daraufhin kräftig aus und schlägt seinen pedantischen Gegner. Der aber protestiert. Der Gläubiger antwortet ihm, dass Klagen umsonst sei. Er selbst sei jetzt bereits ein anderer als derjenige, der ihn kurz zuvor geschlagen habe.

 

Fazit: Ein facettenreicher Blick auf Identität

Als Coach ist es wichtig, diese Perspektivenvielfalt zu berücksichtigen. Die Diskussion über das Selbst und die Suche nach der wahren Identität ist nie abgeschlossen. Wie in diesem Blog dargelegt, existieren verschiedene Auffassungen darüber, was das Selbst ausmacht und wie es sich entwickelt. Von der Anerkennung der sozialen Einflüsse auf die Identität bis hin zur mystischen Erfahrung der Gegenwart und der Betrachtung des Selbst als ein Konstrukt des Gehirns – jede Perspektive trägt zu einem reichhaltigen Verständnis des Selbst bei. Letztendlich bleibt die Frage nach dem wahren Kern des Selbst offen.

© Timo ten Barge [22.02.2016]

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2 Kommentare

  1. Cloe

    Hallo Timo,
    mit großem Interesse habe ich Deinen Blog zu diesem Thema gelesen. Ja, genau das ist ja der Kernpunkt, wenn ich es richtig verstanden haben. Es geht auch um die Grenze zwischen ganz bei sich bleiben oder fremdbestimmt sein, oder? Ich habe dieses Problem mehrfach im beruflichen Umfeld erlebt, auch ganz aktuell. Da steht Pflichterfüllung gegen selbstbestimmt bleiben. Oft ein schwieriger Prozess.

    Aus meiner Erfahrung habe ich gelernt, wie befreiend es sein kann, wenn man sich von Fremdbestimmung löst, Aufgaben ablehnt und deutlich formuliert, dass man sich damit nicht mehr identifizieren kann. Denn das würde ja nur wertvolle Energie rauben. So sehe ich es, und man kann dann auch nicht die Qualität an Leistung abliefern, da die Fremdbestimmung einem zu viel davon raubt. Ich denke, Du ermunterst, auch mal NEIN zu sagen, um sich selbst treu zu bleiben,oder?

    Danke für Deine Anregungen!
    Liebe Grüße, Cloe

    Antworten
    • Timo

      Hi Cloe,
      danke für deine sympathische Mail.
      Ja, du hast das Thema gut interpretiert. Wenn man nicht sich selbst ist, läuft man Gefahr fremdbestimmt zu sein. Da ist es tatsächlich sehr wichtig, auch mal etwas abzulehnen und zu riskieren das Konflikte entstehen. Zum Thema Konflikte werde ich demnächst auch was schreiben.
      Gruß – Timo

      Antworten

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