Sandra kam zu mir, weil sie sich in ihrem Job als Versicherungskauffrau nicht mehr wohl fühlt. Sie arbeitet sehr akribisch und gewissenhaft und ist für ihren Einsatz bekannt. In letzter Zeit häufte sich dennoch die Kritik an ihr. Sie erzählte, dass manche Mails sie – wenn auch vielleicht ungewollt – verletzten. Zwischen den Zeilen spürte sie versteckte Kritik. Außerdem fehlten ihr positive Rückmeldungen von ihrem direktem Vorgesetzten und ab und an ein ernstgemeintes Lob. Sie leidet unter einem niedrigen Selbstwert

Was ist Selbstwert?

Rosenberg definiert den (globalen) Selbstwert als individuelle Bewertung des Selbst. Das kann sich in Anerkennung, aber auch in einer Abwertung des Selbst äußern. Der Selbstwert enthält 3 wichtige Komponenten, die nicht nur für die Psychologie von Belang, sondern auch für Life-Coaching-Zwecke entscheidend sind:

1) Das Selbstbild → die kognitive Komponente
2) Das Selbstwertgefühl → die Gefühlskomponente
3) Die Selbstwirksamkeitserwartung → die motivationelle Komponente

 

Sandras Selbstwert

Schon im Kennenlerngespräch mit Sandra wird mir klar, dass ihr Selbstwert ein entscheidendes Thema bei unserem Coaching sein wird. An der Arbeit scheut Sandra allmählich Herausforderungen. Sie traut sich immer weniger zu, ist nicht mehr so mutig wie früher. Ihr Chef versteckt sich hinter einer Fassade, wirkt nur nach außen cool und gelassen.

Es stellt sich heraus, dass Sandra auch im Alltag verärgert und frustriert ist, Konflikte nicht zielführend lösen kann. Sie empfindet die Reaktionen anderer oft als unfreundlich oder zu direkt. Sogar in WhatsApp-Gesprächen mit Freunden oder beim Smalltalk mit Kollegen, reagiert sie in letzter Zeit empfindlich. Sie fühlt sich angegriffen und manchmal sogar seelisch verletzt. Ihr negativer und leistungsorientierter Selbstwert hat also neben dem beruflichen auch den privaten Bereich beeinflusst.

 

Analyse des Selbstwertes

Während des Coachings betrachten wir einige Facetten des Selbstwerts und finden bei Sandra nach einigen Sessions verschiedene Gründe für ihren negativen Selbstwert. Außerdem wird klar, dass sie für einen souveränen und gelassenen Umgang mit sich und mit anderen einen neuen Job braucht. Ein Neustart ist nötig.

 

Berufliche Neuorientierung

Mittlerweile hat Sandra ihren alten Job gekündigt und eine neue Stelle angetreten. Die berufliche Neuorientierung hat ihr sichtlich gut getan. Sie freut sich über ein besseres Arbeitsklima und eine wertschätzende Kommunikation.

Außerdem bekommt sie mehr Anerkennung, nicht nur für das, was sie für die Firma leistet, sondern für sich selbst als Person. Durch ihren neuen Job ist sie nicht länger fremdgesteuert. Sie hat zudem einen freundlichen Umgang mit sich selbst gefunden und handelt jetzt selbstbestimmt.

 

Hilfestellung durch den Life Coach

Beim Life Coaching ist es sinnvoll, verschiedene Selbstwert-Aspekte herauszuarbeiten und sie je nach Notwendigkeit mit praktischen Übungen zu versehen. Dabei ist zum Beispiel die multidimensionale Wertskala der Psychologen Schutz und Sellin sehr hilfreich.

Die beiden unterscheiden 6 Skalen oder Bereiche. N. Brandon („6 Pillars of Self Esteem“) dagegen hat vor allem den zielbezogenen Selbstwert und den bewusstseinsbezogenen Selbstwert herausgestellt.

Für das Life Coaching sind vor allem die letzgenannten zwei Dimensionen sehr relevant, da sich fast alles um Werte, Ziele und bewusste Entscheidungen dreht.

 

Unterschiedliche Dimensionen von Selbstwert

  1. Der emotionale Selbstwert
    Selbstakzeptanz → Wie stehe ich zu mir selbst? Das heißt: Werte ich mich auf oder werte ich mich ab?
  2. Der soziale Selbstwert 1
    Sicherheit im Kontakt zu anderen → Gehe ich selbstbewusst auf andere zu? Das heißt: Bin ich angstfrei und aufgeschlossen anderen gegenüber oder bin ich gehemmt, wenn es um soziale Kontakte geht?
  3. Der soziale Selbstwert 2
    Umgang mit Kritik → Wie reagiere ich auf Kritik? Das heißt: Nehme ich Kritik an, fange ich an zu zweifeln, oder werde ich überheblich? Oder schaffe ich es, gelassen damit umzugehen und davon zu profitieren?
  4. Der leistungsbezogene Selbstwert
    Einschätzung der eigenen Stärken → Für wie fähig oder kompetent halte ich mich bezogen auf meine Arbeit oder bei kreativen Leistungen im privaten Bereich? Das heißt: Schätze ich mich als fähig ein und betrachte ich Fehler als Lernprozess? Oder muss ich immer alles perfekt machen und betrachte mich vielleicht sogar als Versager?
  5. Der zielbezogene Selbstwert
    Zielgerichtet sein (nach N. Brandon) → Inwieweit richte ich meine Werte auf meine Ziele aus? Das heißt: Kenne ich meine Werte und meine Lebensziele oder lebe ich spontan ohne Blick nach vorne?
  6. Der bewusstseinsbezogene Selbstwert
    Bewusstes Reflektieren von Gedanken, Gefühlen und Handlungen (nach N. Brandon) → Welche Entscheidungen treffe ich aufgrund meines Wissens? Das heißt: Inwieweit übernehme ich Verantwortung für meine Entscheidungen?
  7. Der körperbezogene Selbstwert 1
    Einschätzung der eigenen Attraktivität → Wie zufrieden bin ich mit meinem Aussehen? Das heißt: Bin ich nahezu unbeeinflusst von gesellschaftlichen Idealen und stehe ich zu meinen sogenannten Problemzonen? Oder lasse ich mich fremdbestimmen und habe eine Idealvorstellung, der ich nacheifere, und halte mich vielleicht sogar für hässlich?
  8. Der körperbezogene Selbstwert 2
    Einschätzung der eigenen Sportlichkeit → Wie zufrieden bin ich mit meinen sportlichen Leistungen? Das heißt: Halte ich mich für fit und vital und ernähre ich mich gesund? Oder bin ich unglücklich, was meine Fitness angeht?

Beim Life Coaching ist es wichtig, sich die verschiedenen Dimensionen oder Komponenten anzuschauen und nach Lebensbereichen zu gliedern: z.B. Beruf, soziales Umfeld, Freizeitbereich etc. Der Selbstwert schwankt nicht nur je nach Tagesform, sondern ist auch in den jeweiligen Lebensbereichen unterschiedlich ausgeprägt.

 

Gefahren eines zu hohen Selbstwerts

Der Psychologe C. Mrug hat darauf hingewiesen, dass Selbstwerterhöhung nicht nur positive Effekte haben kann. So entwickelt sich womöglich, statt des erwünschten authentischen Selbstwerts, ein leistungsorientierter Selbstwert oder ein selbstverliebter Selbstwert.

 

Der leistungsorientierte Selbstwert

Bei getriebenen oder perfektionistischen Menschen ist der Selbstwert sehr stark kompetenzbasiert. Es findet keine realistische Selbsteinschätzung mehr statt. Jeder kennt diese sogenannten Leistungsjunkies. Sie wirken unruhig und getrieben oder haben nie Zeit und machen keinen Unterschied zwischen wichtigen und dringlichen Angelegenheiten. (Stephen Covey)

 

Der selbstverliebte Selbstwert

Ein hoher Selbstwert kann auch zu Egozentrismus oder Narzissmus führen. Das passiert, wenn aus Selbstakzeptanz, Selbstüberschätzung wird. Menschen mit einem hohen expliziten, aber niedrigem impliziten Selbstwert verhüllen oft ihr schwaches Selbstwertgefühl, indem sie sich nach außen wird dominant oder gar überheblich geben.

Viele hatten schon einmal mit einem narzisstischen Chef zu tun, der viel Selbstsicherheit ausstrahlt und von dem man meint, er hätte einen hohen Selbstwert. In jedem Fall fehlen ihm die sogenannten Soft Skills wie Empathie und Zuhörerqualitäten.

 

Lösung: Der authentische Selbstwert als Bedingung für Glück

 

Selbstmitgefühl

Kristin Neff zeigt auf, wie man der Gefahr des Getrieben-Seins und der Selbstüberschätzung entgeht. Von ihr stammt das Konzept des „Selbstmitgefühls“, das eine gewissen Ähnlichkeit mit dem Konzept des Selbstwerts aufweist, allerdings ohne dessen negative (nicht authentische) Begleiterscheinungen. Das sogenannte Selbstmitgefühl besteht aus 3 Komponenten:

  1. Freundlichkeit mit sich selbst
    freundlich und akzeptierend mit sich selbst umgehen → Umgang mit sich selbst wie mit einem Freund
  2. Verbundenheit mit allen Menschen
    auf sich und andere und nicht wie im Selbstmitleid nur auf sich selbst gerichtet sein → Fokus auf andere statt auf sich selbst (Egozentrismus)
     gerichtet
  3. Achtsamkeit (Mindfulness)
    die Aufmerksamkeit auf den gegenwärtigen Moment lenken → Vorurteils- und wertfreies Erleben im Hier und jetzt

 

Selbstbestimmung

Im Life Coaching steht die Selbstbestimmung immer im Vordergrund.

Nach den Psychologen Deci und Ryan sind gewisse Grundbedürfnisse entscheidend für unsere Zufriedenheit und unser Glück. Ihrer Meinung nach können wir selbst über unser Leben bestimmen, werden also nicht von unseren Genen oder unserem Umfeld bestimmt.

Mit Hilfe unseres eigenen (inneren) Antriebs können wir alles schaffen, was wir wollen. Nach Deci und Ryan gibt es 3 Grundbedürfnisse:

  1. Beziehungen
    → Wir brauchen andere Menschen, um unser Grundbedürfnis nach Beziehungen zu befriedigen.
  2. Autonomie
    → Wir brauchen Autonomie als Wert, um nicht nicht von anderen abhängig zu sein und unsere Ziele verfolgen zu können.
  3. Kompetenzen
    → Die realistische Einschätzung der eigenen Kompetenzen ermöglicht uns, uns zu verwirklichen.

© Timo ten Barge [02.07.2018]