Jule fühlt sich in letzter Zeit etwas angespannt. Die Arbeit, die sie eigentlich mag, macht ihr auch nicht mehr so viel Spaß. Früher, so sagt sie, war sie gelassener und fröhlicher. Sie hat mehr gelebt für ihre Arbeit als Sprachlehrerin.

Seit einigen Monaten aber stellt sie fest, dass sie immer wieder ärgerlich oder sogar wütend ist. Sie gerät oft in Situationen, in welchen sie sich von anderen verletzt fühlt. Das passiert ihr im Beruf, aber manchmal auch privat. Dabei ist sie doch so offen und einfühlsam, wie sie selbst findet. Aber genau da liegt womöglich ihr Problem …

Emotionen und Gefühle: unbewusste und bewusste Empfindungen

Diese beiden Begriffe werden nicht immer gleichbedeutend benützt. Aber nicht einmal die Wissenschaftler sind sich so recht einig, wie man sie voneinander abgrenzen soll. Gefühle und Emotionen werden deswegen durcheinander benutzt. Für Coachingzwecke ist es nützlich zwischen unbewussten und bewussten Empfindungen zu unterscheiden.

Bei Emotionen handelt es sich eher um unbewusste Vorgänge. Gemeint sind ganz basale körperliche Reaktionen, die zum Beispiel auftreten, wenn ich etwas trinke, esse oder auch nur wenn ich etwas berühre. Es kann aber auch die Wärme sein, die ich spüre, wenn jemand mir ein Kompliment macht, oder die abgrundtiefe Schwere, die durch ernsthafte Trauer hervorgerufen wird.

Emotionen kann ich im Gesicht des anderen an seiner Mimik erkennen, zum Beispiel als Freude, Wut oder Erstauen, oder auch in seiner Körpersprache. So reißt jemand typischerweise erstaunt die Augen auf, wenn er überrascht wird, oder er macht einen Freudensprung, wenn die Überraschung richtig gelungen ist!

Bei Gefühlen denkt man eher an individuelle, konkrete Empfindungen. In dem Moment, in dem uns Emotionen im einzelnen bewusst werden, sprechen wir von „Gefühlen“. Diese können also auch als bewusst wahrgenommene, differenzierte Emotionen beschrieben werden. Gefühle unterscheiden sich auch von Emotionen, weil sie lange anhalten können, ohne dass sie noch an der Mimik oder an der Körpersprache ablesbar sind.

Werte

Es gibt Menschen, die ihrem Leben Richtung geben möchten, die also ganz bestimmte Ziele haben. Sie leben z.B. ihre Freiheit bewusst aus, indem sie lieber öfter den Job wechseln, um mehr Zeit für ihre Interessen zu haben, als über ein dauerhaft sicheres Einkommen zu verfügen.

Manche sind sind dank ihrer Neugier auf das Leben anderen gegenüber, auch Fremden, überdurchschnittlich aufgeschlossen. Oder sie wollen immer bewusst ehrlich sein. Sie suchen Nähe und Freundschaft und möchten dabei so geliebt werden, wie sie sind. Ein weiteres Ziel kann sein, andere möglichst gut zu verstehen und zu unterstützen. Sie denken, das lässt sich durch Offenheit erreichen.

Wer solche Werte bewusst lebt, ist werte-orientiert.  Das ist es, was auch Jule wollte. Sie hat es sich zum Motto gemacht, immer und überall offen und ehrlich zu sein.

Naive Offenheit

Warum, so fragt sich Jule, eckt sie dann mit all ihrer guten Absicht so oft an?

Jules Problem liegt nicht so sehr in ihrer (Gefühls-) Offenheit an sich. Es liegt tiefer. Wenn es um Gefühle geht, lohnt es sich im Zweifel meist mehr auf Diplomatie als auf Offenheit zu setzen. Jule gerät in heikle Situationen, weil sie zu wenig unterscheidet, wem gegenüber und wann sie sich offen geben kann oder nicht. Ob im Arbeits- oder im Privatleben – wir Menschen sind verschieden und besonders empfindlich, wenn es um unsere Gefühle geht.

Wenn Jule sich offen und persönlich gibt, kann es z.B. leicht passieren, dass ein zurückhaltender Mensch sich überrumpelt fühlt. So, als wolle sie ihm eine Rolle aufzwingen; er kann sich z.B. unter dem Erwartungsdruck fühlen, etwas von sich selbst preisgeben zu müssen. Dadurch provoziert Jule so manche unwirsche Abwehrreaktion – von Abneigung bis hin zu Wut.

Gerade Jules Arbeit als Sprachlehrerin erzeugt eine gewisse Nähe zu den Kursteilnehmern und führt zu einem lockeren Umgangston. Diese familiäre Atmosphäre ihres Unterrichts machte die Sache für sie nicht leichter: Mit ihren manchmal etwas naiven Offenbarungen und ihrer undifferenzierten Ehrlichkeit trat sie oft bei ihren Schülern ins Fettnäpfchen.

Blinder Fleck

Jule muss sich grundsätzlich klarmachen, dass Menschen unterschiedliche Werte haben. Dabei stehen Offenheit und Direktheit Verschwiegenheit und Diskretion gegenüber. Menschen, die nicht über ihre Gefühle sprechen (wollen), sind Verschwiegenheit und Diskretion oft einfach wichtiger, als „Farbe zu bekennen“.

Jules „blinder Fleck“ besteht darin, dass sie nicht berücksichtigt, dass es Menschen gibt, die in einem bestimmten Kontext (Sprachunterricht) nicht über Gefühle reden wollen. Es gibt auch solche, die generell nicht von Gefühlsäußerungen halten, selbst wenn sie unter Freunden sind. Sogar im engsten Verwandtenkreis kommt es immer wieder zu Konflikten, weil nicht jeder das Bedürfnis nach so viel Nähe hat.

Problemlösung

Jule war sich gar nicht bewusst, dass sie auch dann authentisch und werteorientiert leben kann, wenn sie ihre Gedanken öfter mal für sich behält. Sie muss lernen, sich vorher zu überlegen, ob eine Situation geeignet für private Äußerungen ist.

Die Körpersprache des Gegenübers hilft ihr dabei. Ablehnung und Skepsis sind leicht zu erkennen. In diesem Fall ist es sinnvoller, ein Gespräch sachlicher zu gestalten und sich an bestimmte Regeln der Konversation zu halten. Manchmal heißt das, die bestehenden Machtverhältnisse zu akzeptieren und einfach höflich zu bleiben.

Wertequadrat

Im Wertequadrat von Schulz von Thun wird deutlich, wann es sinnvoll ist, etwas von seinem wahren Selbst zu zeigen, und wann nicht. Die Tugend „Wahrhaftigkeit“ oder Authentizität, sowie sich offen und ehrlich zeigen kann in bestimmten Situationen durch eine andere Tugend, das „Wirkungsbewusstsein“, ersetzt werden, wenn eher diplomatisches Geschick oder sogar etwas Kalkül notwendig sind. Die Untugenden „naive Unverblümtheit“ und „Fassadenhaftigkeit“ (d.h. nicht authentisch sein) lassen sich so vermeiden.

Übung mit dem Life Coach

Im Lifecoaching werden wir eine Gefühlsbilanz aufmachen. Jeder hat mal gute und mal schlechte Tage. Letztlich kommt es nur darauf an, dass positive Gefühle wie Freude, vergnügt sein und Inspiration überwiegen.

Wir werden schauen, wo genau positive Gefühle auftauchen, die Resonanz geben, wo also etwas Positives zurückkommt, das berührt. Zentral dabei stehen auch Begriffe wie Anerkennung und und Selbstwert. Auch werden wir betrachten, wann negative Gefühle wie Wut, Enttäuschung und Irritation entstehen und wie sie weitgehend vermieden werden können.

Im Gesamtdurchschnitt kommt es darauf an, dass das positive Erleben die Überhand gewinnt. Die Psychologin Fredrickson spricht hier von einer „positivity ratio“. Positive Gefühle steigern die Kreativität und das Denken. So wird es leichter, neue Lebensziele umzusetzen.

Sechs Tipps – Emotionen und Gefühle im Life Coaching

  1. Versuche, eigene Gefühle besser zu verstehen.  Lerne zu bestimmen, welche Gefühle häufig in dir auftauchen, wieso sie auftauchen und was sie in dir bewirken.
  2. Werde dir bewusst, dass Gefühle, Gedanken und Verhalten aufeinander bezogen sind.  Jemand, der seine Werte und seine Ziele gut kennt (durch Überlegungen), wird sich wohl fühlen und keine Angst vor seiner Zukunft haben. Sein Verhalten wird dementsprechend selbstbewusst sein.  Umgekehrt wird jemand, der sich in einer bestimmten Situation überfordert fühlt, keine klaren Gedanken fassen können und sich eher unsicher verhalten. Das gilt sowohl nach innen als auch nach außen.
  3. Nimm öfter bewusst wahr, was positive und vor allem was negative Gefühle in dir auslöst. Wenn dir z.B. die Arbeit seit langem keine positiven Gefühle mehr beschert, ist es an der Zeit, sich etwas Neues zu überlegen. So kann man der Gefahr eines Burnouts vorbeugen.
  4. Setze dich ganz allgemein weniger mit Negativem auseinander. Viele Menschen denken, dass „Dampf abzulassen“, seine Wut oder Frustration zu zeigen, etwas Positives bewirkt. Sie stellen sich vor, dass das Negative dann „raus“ ist. Das Gegenteil ist der Fall. Oft entstehen sogar ganze negative Gefühlsketten. Wut kann zu Enttäuschung werden, dann vielleicht zu Indifferenz, und so weiter und so fort.
  5. Halte dich weniger mit Menschen auf, die die Welt schwarz malen oder sich negativ über andere auslassen.  Deine Zeit ist kostbar! Wieso sie also verschwenden? Es ist sehr einfach, andere zu kritisieren. Viel schwieriger und interessanter ist es, etwas Positives abzu- gewinnen.
  6. Schreibe ein Tagebuch mit positiven Erlebnissen.  Verschaffe dir am Ende des Tages oder der Woche einen Überblick über das, was gut gelaufen ist. Schreib es auf und schau, wie sich dadurch deine Stimmung positiv verändert.

 

© Timo ten Barge [22.09.2017]