Henrik möchte das schaffen, was die meisten, die zu mir kommen, ebenso wollen. Er strebt einen beruflichen Wechsel an, hat lange mit sich gerungen und alles gut durchdacht. Er ist ein selbstbewusster Typ. Dennoch ist ihm anzumerken, dass er schon längere Zeit fremdbestimmt lebt. Je länger er von sich erzählt, desto mehr schimmert seine Unzufriedenheit durch. Diese hat ihre berechtigten Gründe, wie sich herausstellen wird, und hat schließlich dazu geführt, dass er gekündigt hat.

Gründe für den Berufswechsel

Hilfreich war, dass Henrik mir in seiner erste Mail genau beschrieben hat, wo genau seine Probleme liegen. Auch hat er mir im Detail geschildert, wie es dazu kam, dass er den Berufswechsel wollte. Der wichtigste Grund war die fehlende Anerkennung. Zum Anfang hat er mir gleich sein Ziel genannt: Er wollte wissen, ob er das Zeug zur Führungskraft hat.

Schließlich hat er mir noch geschrieben, welche Gefühle ihn in erster Linie belasten. Es sind vor allem die Schuldgefühle, nicht früher gewechselt zu haben, und Gefühle von Frustration und Wut, wenn er von einer inkompetenten Führungskraft in die Schranken gewiesen wird.

Hilfestellung Life Coach

Im Life Coaching geht es meistens um die Kernthemen „Selbstwert“, „Werte und Ziele“, „Motivation“, „Stärken und Schwächen“ und „das Finden von Lebenszielen“. Für Henrik ging es konkret darum zu erfahren, ob er über die notwendigen Fähigkeiten eines Abteilungsleiter verfügt. Zu diesem Zweck haben wir in seinem Umfeld – bei Freunden und Kollegen – Stärken gesammelt und eine Liste erstellt. Auf dieser fangen sich Stärken, die eine Führungskraft tatsächlich auszeichnen sollten: Verantwortungsbewusstsein, Autorität, Tatkraft, Disziplin etc. Im nächsten Schritt haben wir Beispiele aus seinem Leben gesucht, die diese Stärken beweisen, so dass wir sie gleichzeitig vertiefen konnten.

Dank einiger Übungen lernte Henrik, noch besser zu reflektieren und noch näher an sich selbst heranzukommen. Durch das Feedback seiner Freunde und Kollegen konnte er einen Abgleich zwischen Selbst- und Fremdbild machen. Im Verlauf dieses Abgleichs hat es ihm immer mehr Spaß gemacht, das eigene Ich neu zu entdecken. Die intensive Beschäftigung mit dem Thema „Selbstwert“ hat dazu geführt, dass er sich selbst in unterschiedliche Situationen neu betrachtet hat. Henrik ist stetig vorangekommen, durch verschiedene Übungen und kurze Reflexionsphasen, die ihm zur Routine wurden.

In den bevorstehenden Bewerbungsgesprächen wusste Henrik jetzt viel besser, wie es sich präsentieren konnte. (Stichwort: „elevator pitch“) Als zukünftiger Führungskraft habe ich ihm zudem empfohlen, das, was er über das Reflektieren gelernt hatte, an seine künftigen Mitarbeitern weiterzugeben und mit ihnen zu praktizieren.

Auslöser für den Berufswechsel

Wie bei den meisten, die zum Life Coaching kommen, ging es Henrik um Selbstwert und Anerkennung . Er arbeitete seit vielen Jahren in der Steuerbranche und hatte in den letzten Jahren immer wieder überlegt zu wechseln. Mit seinen Kollegen verstand er sich gut, obwohl ihm der Smalltalk oft etwas zu oberflächlich war. Lieber suchte er in seinen Pausen die Ruhe. Schwieriger war die Kommunikation mit seinem Vorgesetzten. Sobald eine Angelegenheit brenzlig zu werden drohte, stand sein Chef nicht hinter ihm. Er hatte keinerlei Führungsqualitäten, was zu großer Frustration führte. Gelegentlich wurde er gar jähzornig und wütend, wenn ihm etwas nicht passte. Henrik musste oft als Sündenbock herhalten.

Als sein Chef in einmal in einer Sitzung voll auflaufen ließ, war für Henrik klar, dass es so nicht weitergehen konnte. Er machte sich auf die Suche nach einem neuen Job. Gleichzeitig wollte er an sich selbst arbeiten und analysieren, welcher Persönlichkeitstyp er ist. Er hatte schon früher verschiedene Test gemacht, doch da die Verfahren und Ergebnisse nicht sehr aufschlussreich gewesen waren, suchte er im Internet nach weiteren Tests. Nachdem er auf diese Weise nicht weit kam, suchte er sich einen Life Coach.

Testresultat: kühl, direkt und unsensibel

Frühere Testverfahren wie das sogenannte Enneagramm, „Mayers Briggs“ und der PI-Test haben bei Henrik einen eher negativen Beigeschmack hinterlassen, weswegen er anfänglich etwas zurückhaltend war, als ich nachfragte, welche Erfahrungen er mit beruflichen Weiterbildungen oder Coachings gemacht hat. Zudem hatte ihm einmal ein Psychologe attestiert, zu direkt, kühl und unsensibel zu sein. Genauso wenig schmeichelhaft waren die Ergebnisse einiger Gruppen- sowie eines Einzelcoachings: Daraus war er hervorgegangen als extrovertiert, perfektionistisch, gewissenhaft, sehr direkt, nicht kooperativ, kühl, über wenig Einfühlungsvermögen verfügend etc.

Diese Ergebnisse seien kaum von Gesprächen flankiert worden, erklärte Henrik, stattdessen waren sie mehr oder weniger unkommentiert im Raum stehen gelassen worden. Auf diese Weise helfen Tests, wie man sieht, überhaupt nicht weiter. Ein Test ohne richtige Analyse und Interpretierung kann sogar dauerhaft schädigend sein. Dadurch können negative Glaubenssätze entstehen und der Selbstwert kann sehr darunter leiden.

Einfluss berufliches Umfeld

Nachdem Henrik und ich einen Persönlichkeitstest und einen Stärkentest durchgeführt und vertieft hatten, konnten wir feststellen, dass er tatsächlich einen Hang zum Perfektionismus hat, dass seine kommunikativen Fähigkeiten jedoch sehr einseitig ausgelegt worden waren. Der Kommunikationsstil an seinem Arbeitsplatz hatte sich generell über die Jahre immer mehr verschlechtert und Konflikte wurden nie richtig ausgesprochen. „Du-Botschaften“ und Schuldzuweisungen waren in seiner Firma an der Tagesordnung. Er war ständig fremdbestimmt. Das war in den bisherigen Testverfahren nicht berücksichtigt worden.

Wann ist ein Test aufschlussreich?

Tests können in jedem Fall weiterhelfen, aber nur wenn sie ausführlich analysiert und je nach Kontext interpretiert werden. Außerhalb der Firma verhielt sich Henrik nämlich ganz anders. Er ist ein Mensch, der gut zuhören und sich in andere hineinversetzen kann. Wenn das Arbeitsklima gut ist, ist auch er in der Lage, gut zu kommunizieren. Bei einer Übung mit Werte haben wir festgestellt, dass er etwas taktvoller mit seinen Kollegen umgehen sollte und verstehen muss, dass der Umgang mit introvertierten Menschen noch mehr Sensibilität erfordert.

Wir haben Lösungen gefunden, damit Henriks Direktheit von den anderen nicht als kühl und voreingenommen interpretiert wird. Außerdem hat er erfahren, dass Smalltalk per se nichts Schlechtes sein muss, sondern dass man auch in vermeintlich oberflächlichen Erzählungen, Geschichten und Anekdoten gewisse interessante Schnittmengen finden kann.

Fazit

Henrik wollte Klarheit haben über sich selbst. Er wollte wissen, ob die Ergebnisse von unterschiedlichen Tests und Weiterbildungen richtig waren, ob sein Wunsch, eine Führungskraft zu werden, vielleicht zu hoch gegriffen war. Und er wollte Klarheit, vor allem was seine Schwächen im kommunikativen Bereich anging, seine angeblich kühle und zu direkte Art. Auch wollte er lernen zu reflektieren.

Er hat festgestellt, dass Reflektieren mehr ist, als nur über sich selbst nachzudenken. Er hat alte Denkmuster aufgebrochen und Denkgrenzen überschritten, so wie es seit Jahrtausenden Philosophen tun.

© Timo ten Barge [05.05.2018]