Martin gerät relativ oft in Konflikte, in letzter Zeit immer häufiger mit seiner Freundin. Kürzlich erst wieder, als sie ziemlich spät von ihrem „Mädelsabend“ zurückkam, ist ihm rausgerutscht, „sie solle sich doch bald einen anderen suchen, wenn das so weiter ginge“.
Den demonstrativen Blick auf die Armbanduhr, der seine Vorwürfe begleitete, konterte Nora nur mit einem genervten Blick.

wie die Konversation eskaliert

Da fühlte Martin sich nicht ernst genommen und toppte seine Schimpftiraden mit der groben Verallgemeinerung: „Auf dich ist ja eh´noch nie Verlass gewesen“. Nora war verblüfft und fühlte sich von so viel Ungerechtigkeit vor den Kopf gestoßen. Sie gab einfach auf und ging wortlos ins Badezimmer. Über Gefühle sprach sie ohnehin schon längst nicht mehr mit ihm. „Wozu auch?“, dachte sie frustriert. Denn Martin meinte doch schon längst, sie sei ohnehin „gefühlsarm“. Nicht zum ersten Mal hatte er ihr an diesem Abend vorgehalten, sie sei „keine „einfühlsame Frau und Partnerin“.

Bald schon sah Martin wieder klarer. Ihm dämmerte, dass er tatsächlich überreagiert hatte. So oft war seine Partnerin auch wieder nicht allein unterwegs. Und wenn sie Spaß hatte, warum sollte sie nicht länger bleiben dürfen? Wenn er es sich recht überlegte, dann musste er sich eingestehen, dass er sogar etwas neidisch war auf ihren großen Freundeskreis. Warum nur musste er so oft auf die Uhr schauen, wenn Nora nicht zu Hause war? Freute er sich womöglich klammheimlich darüber, dass sie ihm durch ihr spätes Nachhausekommen Gelegenheit gab, sie auf ihre „Unpünktlichkeit“ und „Unzuverlässigkeit“ hinzuweisen? Bei diesen Überlegungen angelangt, kam sich Martin fast ein wenig schäbig vor.

 

Wie hätte Martin sich fair verhalten können?

Die Frage ist, wie Martin sich fair und zielführend hätte verhalten können, als Nora später als ausgemacht nach Hause kam. Er hätte seine Bedürfnisse äußern können. Am besten schon, bevor die Wut überhaupt aufkam. Auch besser, als bei Noras Nachhausekommen gleich loszumeckern, wäre es gewesen, die Situation zu thematisieren, wenn die Wut etwas verraucht war.

 

Martin hätte sein Anliegen wertfrei, in Ich-Botschafen kommunizieren können:

1) Also nicht „du“, sondern „ich“: „Ich würde mir wünschen, öfter mit Dir zusammen unterwegs zu sein.“ 2) Das Problem oder das Gefühl benennen: „Ich mag es nicht, immer allein zu Hause rumzuhängen, das langweilt mich.“ 3) Das Verhalten ansprechen, das einen irritiert: „Ich finde es unangenehm, wenn du zu spät kommst (ohne mich zu benachrichtigen).“ 4) Einen Vorschlag für die Zukunft machen: „Ich fände es schön, wenn wir auch mal wieder zusammen weggehen würden.“

 

Was ist der Unterschied zwischen Ich- und Du-Botschaften?

Ich-Botschaften schaffen Nähe, fördern den Dialog, sie beschreiben eigene Gefühlen und zeigen, was in einem Menschen vor sich geht. Es sind Versuche, Verhaltensänderungen zu schaffen und verletzen die Beziehung nicht.

Beispiele:
– Ich mache mir Sorgen, weil …
– Ich vermute, dass …
– Es hat mich gestört, dass …

Das Resultat ist eine höhere Bereitschaft des Angesprochenen, sich auf die Gefühle und Gedanken des Kommunikationspartners einzulassen. Ich-Botschaften verletzen die Gefühle des anderen nicht, weil sie keine negative Bewertung enthalten. Stattdessen findet eine positive Kommunikation statt.

Du-Botschaften schaffen hingegen Distanz und fördern die Diskussion. Sie enthalten Urteile über den anderen und halten diesem vor, was er falsch gemacht haben soll. Außerdem wird geäußert, welche Werte missachtet worden sein sollen. Es handelt sich dabei oft um Angriffe der angesprochenen Person und damit der Beziehung.

Beispiele:

– Du solltest endlich mal …
– Es ist immer das gleiche mit dir …
– Nie bist du pünktlich …

Das Resultat sind Konflikte. Aus Irritation und Wut kann sogar eine Gewaltspirale entstehen. Die Kommunikation ist destruktiv.

 

Weshalb benutzen Menschen lieber Du-Botschaften als Ich-Botschaften?

Hinter Du-Botschaften kann man sich gut verstecken. Durch einen Mangel an Selbstoffenbarung bleibt das, was eine Nachricht zwischen den Zeilen transportiert, oft verborgen. In vielen Fällen weiß der Sender nicht mal selbst, welche Seiten einer Nachricht in im stecken, so der Psychologe Schulz von Thun.

Auch hinter „man“-Sätze kann man sich gut verstecken. (z.B. „Man ärgert sich schnell, wenn Menschen nicht zuhören.“) Mit anderen Worten: Die Distanz wird größer, die eigene Gefühle und Gedanken bleiben außen vor. Umgekehrt schafft eine Ich-Botschaft Nähe, zu der nicht jeder den Mut hat. Eine Ich-Botschaft kann verletzlich machen.

 

Welche Vorteilen bieten Ich-Botschaften?

Brene Braun, eine Sozialwissenschaftlerin, glaubt, dass dieses Erlauben von Fehlern, das Zulassen von Imperfektionismus, ja genau diese Verletzlichkeit die Grundvoraussetzung für ein sinnhaftes und erfülltes Leben ist. Menschen, die sich einem emotionales Risiko aussetzen, werden von anderen als authentischer und mutiger wahrgenommen als solche, die sich immer bedeckt mit ihren Äußerungen halten. Es ist also eine Stärke. Ein Grund mehr also, Ich-Botschaften anstelle von Du-Botschfaften zu verwenden!

So zeigt man seine Bedürfnisse und muss sich trauen, um etwas zu bitten. Durch Du-Botschaften dagegen äußert man die eigenen Werte. Es ist viel einfacher, anderen die eigenen Ansichten zu präsentieren, als zu versuchen, die Werte des Gegenübers zu verstehen.

 

Wie klappt eine gelingende Kommunikation?

Für eine gelingende Kommunikation ist es genauso wichtig, die eigene Werte zu kennen, wie die des Gegenübers zu respektieren. So steckt im Beispielfall hinter Martins Wert „Pünktlichkeit“ in Wirklichkeit ein Bedürfnis nach mehr Geselligkeit. Wenn Martin das erkennt, kann er etwas an seiner Situation verändern und indirekt dann auch zu mehr Entspannung in seinem Verhältnis zu Nora gelangen.

 

Was kann ein Life Coach in dieser Situation tun?

Der Life Coach schaut sich die Probleme und Anliegen ganz genau an. Oft verbergen sich dahinter Bedürfnisse, die unerkannt und damit unerfüllt sind. Nicht selten geht es um das Bedürfnis nach Anerkennung.

Schon kleine Verbesserungen in der Kommunikation haben große Auswirkungen. Das Benutzen von Ich-Botschaften ist ein kleiner, aber wichtiger Schritt in die richtige Richtung. Ebenso wenig zu unterschätzen ist die Stärkung des Selbstwertgefühls sowie der Versuch, die eigenen Werte und Gefühle zu verstehen. Denn einem Menschen, der selbstbewusst und selbstreflektiert ist, fällt es leichter, sich durch Ich-Botschaften zu verständigen und in der Folge von anderen wertgeschätzt zu werden.

 

© Timo ten Barge [10.11.2017]