Alexander war bereits einige Monate arbeitslos, als er zu mir kam. Sein Ziel war es, einen neuen Job zu finden. Gleichzeitig wollte er das viele Reflektieren abstellen, das ihm den Schlaf raubte. In Wirklichkeit jedoch war das, was Alexander tat, kein Reflektieren, sondern eine ständige Selbstkritik, der innere Kritiker.

Er fragte sich, wieso gerade er entlassen worden war. Auch stellte er rückblickend fest, dass er wenig Kontakt zu seinen Kollegen gehabt hatte und dass es ihm zu keinem Zeitpunkt gelungen war, sich gegen seinen dominanten und unsympathischen Chef zu wehren.

Es waren vor allem negative Emotionen wie Verzweiflung, Wut und Frustration, die ihn seit langer Zeit begleiteten.

Was ist Selbstwert?

Selbstwert ist der Wert, den sich jemand selbst zuschreibt.

  • Das kann positiv sein: Ich fühle mich gut und akzeptiere mich, wie ich bin, d.h. meine starken sowie meine schwachen Seiten.
  • Das kann auch negativ sein: Ich fühle mich nur gut, wenn ich Herausragendes leiste, und ich zweifle an mir und meinen Entscheidungen. (der innere Kritiker)

Der Selbstwert enthält 3 wichtige Komponenten, die beim Life Coaching näher betrachtet werden:

1) Das Selbstbild → Was kann ich gut? Was sind meine Stärken?
2) Das Selbstwertgefühl → Was spüre ich, wenn ich kritisiert werde und eventuell Konflikte entstehen?
3) Die Selbstwirksamkeitserwartung → Wie treffe ich meine Entscheidungen, um der Zielvorgabe eines bestimmten Lebensbereichs gerecht zu werden?

 

Selbstwert und Selbstbild

Der Selbstwert ist die Art und Weise, wie ich über mich denke. Sie kann entweder positiv oder negativ sein. Diese kognitive Komponente wird manchmal auch “das Selbstbild” genannt. Beim Coaching spricht man gerne von “Mindset”.

 

Selbstwert und Selbstwertgefühl

Das Selbst hat aber auch eine affektive Komponente. Sie ist die gefühlsmäßige und bewertende Seite des Selbstwerts, “das Selbstwertgefühl”.

 

Selbstwert und Motivation

Schließlich gibt es noch die handlungsbezogene Komponente – eine sehr wichtige Komponente für das Life Coaching, weil es dabei um Motivation geht, um die Grundlage für das Handeln.

 

Selbstwert als eine Art Alzweckwaffe

In der Psychologie wurde zum Thema “Selbstwert” jahrzehntelang geforscht. Anfang ging man davon aus, im Selbstwert eine Art Alzweckwaffe gefunden zu haben, mit der sämtliche konfliktbezogene Probleme gelöst werden konnten.

In Amerika wurden Lektionen in „Self Esteem“ sogar im Bildungssystem eingeführt, um Gewalt zu verringern. Mittlerweile hat sich die Begeisterung für das Thema jedoch etwas gelegt und Aspekte wie Selbskontrolle und Disziplin stehen mehr im Fokus.

 

Selbstwert im Life Coaching

In der positiven Psychologie (der nicht klinischen Sparte der Psychologie) ist das Interesse für das Thema “Selbstwert” geblieben. Es richtet sich allerdings mehr auf die Bedingungen für Wohlbefinden und Glück. Einige Ergebnisse aus diesem Bereich sind auch für das Life Coaching relevant.

So wird ein positiver Selbstwert laut dem Psychologen R.B. Diener in Verbindung gebracht mit einer Steigerung von:

  • Zufriedenheit
  • Optimismus
  • physischer Gesundheit

 

Unterschied Selbstwert/Identität

Selbstwert hat Ähnlichkeit mit Identität. Der Vorteil von Selbstwert ist aber das er sich, im Gegensatz zur Identität viel leichter verändern oder verbessern lässt. Im Life Coaching sind Tools wie Enneagram oder das Arbeiten mit storytelling sehr hilfreich um die Identität zu stärken.

 

Unterschied Selbstwert/Selbstvertrauen

Selbstvertrauen kann beschrieben werden als ein Teil des Selbstwerts. Es setzt sich zusammen vor allem aus Kompetenzvertrauen, sozialem Selbstvertrauen und dem Vertrauen darauf, bestimmte Ziele verwirklichen zu können. Beim Selbstvertrauen steht vor allem die handlungsbezogene Komponente im Vordergrund. Ich vertraue darauf, meine Fähigkeiten umzusetzten, mit anderen Menschen zu interagieren und meine Ziele zu erreichen.

Der Selbstwert dagegen ist ein umfassenderer und tiefergreifender Prozess. Er betrachtet, was ich als Mensch wert bin, und schließt auch mein Selbst- oder Fremdbild ein.

 

Scheinbar negativen Selbstwert

Eine positive Bewertung des Selbst, also eine Selbstanerkennung ist nicht immer sichtbar. In meine Coaching-Praxis kommen häufig introvertierte Personen, die durchaus von ihren Qualitäten überzeugt sind und sich selbst als wertvoll betrachten.

Außenstehende ohne einen aufmerksamen Blick würden diesen Menschen nur einen niedrigen Selbstwert bescheinigen.

 

Scheinbar Positiven Selbstwert

Genauso kommt es umgekehrt immer wieder vor, dass jemand, der augenscheinlich über einen positiven Selbstwert verfügt, sich selbstsicher und überzeugend präsentiert, in Wirklichkeit jedoch nur eine Fassade aufrecht erhält. Solche Menschen sind oft getrieben von Dominanzstreben und Egozentrismus, sie sind innerlich aber ganz verletzlich. Sie werden schon lange begleitet von einem inneren Kritiker.

 

Selbstwert als Wert unter anderen Werten

Der Selbstwert ist kein „normaler“ Wert, auch wenn in dem Begriff das Wort “Wert” steckt. Im Wesentlichen sieht sich jemand, der sich selbst akzeptiert, als vollwertige und einzigartige Person. Im Life Coaching beschreibt ein Wert allerdings eine Überzeugung oder ein Prinzip, nach dem man sich richten kann. Er ist eine Art Leuchtturm, der mich daran erinnert, dass ich das, was ich in meinen verschiedenen Lebensbereichen tue, auch mit Überzeugung tue.

 

Beispiel

So entscheidet sich zum Beispiel jemand für eine Arbeit in Selbständigkeit, weil seine zentralen Werte Selbstbestimmtheit und Unabhängigkeit lauten und weil er kein allzu hohes Sicherheitsbedürfniss hat. Er richtet seinen beruflichen Lebensbereich nach diesen Werten aus.

 

Optimaler Selbstwert als Leitprinzip

Der Selbstwert kann jedoch nach dem Psychologen M.H. Kernis als Wert unter anderen Werte gelten, wenn von einem optimalen Selbstwert ausgegangen wird. Optimal bedeutet in diesem Zusammenhang die bestmögliche Voraussetzung, also weder ein niedriger noch ein überhöhter Selbstwert.

Denn ein niedriger Selbstwert kann nicht als Richtschnur dienen und ein überhöhter Selbstwert führt möglicherweise zu Narzissmus oder Perfektionismus (siehe unten: Die Gefahren einer Erhöhung des Selbstwertes). So kann der Selbstwert auch zum Antiwert werden.

 

Positiver Selbstwert

Ein positiver Selbstwert macht widerstandsfähig und schützt vor negativen Erfahrungen. Misserfolge und Kritik können einfacher verarbeitet werden, positive Emotionen wie Neugierde, Vertrauen oder Dankbarkeit dominieren. Nach J.D. Brown, einer Spezialistin zum Thema Selbstwert, erfahren Menschen mit einem positiven Selbstwert im Allgemeinen weniger emotionalen Stress.

 

Stressresistenz und Zielstrebigkeit

Ein positiver Selbstwert führt dazu, dass man Entscheidungen mit Überzeugung trifft, auch wenn sie nicht immer die richtigen sind. Beim Life Coaching ist die Zielgerichtetheit entscheidend. Wenn in einzelnen Lebensbereichen Ziele gesteckt sind, können Entscheidungen durchdachter gefällt werden.

So kann sich statt eines negativistischen Selbstwerts der erwünschte authentische Selbstwert entwickeln. Ein positiver Selbstwert kann nach dem Psychologen J.D. Brown zwei wichtige Vorteile haben: Stressresistenz, Zielstrebigkeit

 

Fallbeispiel

Alexander war nach dem Coaching in der Lage, seine Selbtkritik zu reduzieren und durch kritisches Hinterfragen zu ersetzen. Durch seinen neuen Job wurde er selbstbewusster und erlebte wieder positive Emotionen. Seine Wut und seine Frustration sind verschwunden. Hin und wieder zweifelt er natürlich noch, aber seine Verzweiflung ist nie wieder zurückgekommen.

 

Negativer Selbstwert

Ein negativer Selbstwert macht unsicher und ängstlich und erhöht die Stressbelastung. Negative Emotionen wie Frustration, Wut oder Verzweiflung bestimmen den Tag.

Verantwortlich für den niedrigen Selbstwert ist eine innere Stimme, die uns seit der Kindheit begleitet. Diese innere Stimme ist sogar stärker als Kritik von außen. Oft verhindert sie ein zufriedenes und glückliches Leben.

 

Herkunft des inneren Kritikers

Die kritische innere Stimme ist womöglich bereits ein lebenslanger Begleiter. Im Life Coaching wird in diesem Zusammenhang oft von Glaubenssätzen gesprochen. Diese können in den Coaching-Gesprächen mittels Reframing wirkungsvoll entkräftet werden. In einem derart neuen Licht betrachtet, lassen sich störende Verhaltensweisen so ins Positive kehren oder abstellen.

 

drei Lebensphasen

Nach E. Erikson sind für die Entwicklung des Selbstwertes drei Lebensphasen relevant:

  • Im Baby- und Kleinkindalter ist es wichtig, kontinuierlich zu erfahren, dass man wertvoll ist. Das passiert nicht, wenn das Kind spürt, dass seine Bedürfnisse nicht erst genommen werden.
  • Im Schulalter lernt das Kind, mit Erfolg und Misserfolg umzugehen. Außerdem wird der soziale Vergleich wichtig.

Ein negativer “Mindset” kann entstehen, wenn das Kind weniger für seinen Einsatz gelobt und eher an Noten und äußerer Leistung gemessen wird. In einen solchen Fall bildet sich möglicherweise der Glaubenssatz heraus: „Ich bin nur liebenswert, wenn ich gute Noten schreibe.“

  • In der Pubertät steht die Ausbildung der Identität im Vordergrund. Wenn der junge Erwachsene zu wenig Wertschätzung erhält, sich negativ mit anderen vergleicht und sich nicht selbstbestimmt entwickeln kann, kommt es zur Entstehung eines negativen Selbswerts.

 

Beispiele innere Kritiker/Glaubenssätze

  • „Mein Name hat mir noch nie wirklich gefallen“ → Die innere Akzeptanz
  • „Ich habe nichts zu erzählen, kann keinen Smalltalk machen.“ → Sicherheit im Kontakt zu anderen
  • Ich bin immer schnell eingeschüchtert, wenn mein Chef mich kritisiert.“ → Der Umgang mit Kritik
  • „Ich kann nichts wirklich gut, war in der Schule nicht besonders gut.“ → Die Einschätzung der eigenen Kompetenz
  • „Ich verschiebe immer unangenehme Sachen und bringe nie etwas zu Ende.“ → Der zielbezogene Selbstwert
  • „Ich konnte mich nie wirklich konzentrieren, lieber lenke ich mich mit Netflix oder Facebook ab.“ → Der bewustseinsbezogene Selbstwert
  • „Ich mache mir öfters Sorgen um mein Äußeres, ich finde mich damit ab, dass ich nicht so hübsch bin.“ → Die Einschätzung der Attraktivität
  • „Meine Freunde sind sehr sportlich, ich eher nicht.“ → Die Einschätzung der Sportlichkeit

 

Den inneren Kritiker zähmen

Die innere Stimme kann man zähmen, indem man sie sichtbar macht und der richtigen Dimension zuordnet. Es ist wichtig, kritisch zu hinterfragen, ob das, was sie uns sagt, gerechtfertigt ist. Oft lassen sich leicht Argumenten finden, um die negativen Aussagen zu entkräften.

 

Gegen den inneren Kritiker spricht:

  • dass diese Stimme künstlich ist
  • dass sie Perfektionismus anstrebt
  • dass ihre Aussagen schwarz-weiß sind
  • dass sie „Negatives“ unendlich oft wiederholt
  • dass sie „Du-Botschaften“ verwendet und bewertend ist

 

Für das kritische Hinterfragen spricht:

  • dass es echt ist
  • dass Fehler erlaubt sind
  • dass Aussagen relativiert werden
  • dass Negatives im Kontext betrachtet wird
  • dass der Ton freundlich und mitfühlend ist

 

© Timo ten Barge [27.08.2018]