Stefan kam zu mir, weil er gerne wissen wollte, wie er auf andere wirkt. Im Job arbeitete er selbständig und hatte nicht viel mit den Kollegen zu tun. Einmal fiel ihm jedoch auf, dass ein Kollege sehr gut erzählen konnte und sehr sympathisch rüberkam. Stefan merkte, dass er sich die Aufmerksamkeit, die der Kollege dadurch von anderen bekam, im Grunde selbst wünschte.

Das Erzählerische

Von Alasdair MacIntyre, einem Philosophen, stammt der Gedanke, dass das Erzählen die wichtigste Form menschlichen Ausdrucks ist. Wenn das wirklich stimmt, lohnt es sich zu schauen, inwieweit diese Ausdrucksweise für das Life Coaching positiv genutzt werden kann. Mythen und Erzählungen haben erst den Weg für die Wissenschaft freigemacht und sind, wenn es um Einbildungskraft und Intuition geht, immer noch die wichtigste Quelle. Das wusste schon Aristoteles, der Logos vom Mythos trennte – zwei Begriffe, die das Erzählerische beschreiben, wobei er Letzteres als bedeutender ansah.

Leider wird das Story-Telling, das Geschichten-Erzählen, in Bildungsstätten und generell unter Erwachsenen oft als Privileg von Kindern, Künstlern oder Schriftstellern angesehen. Offenbar wird das rationale, analytische Denken überschätzt. Das Kreative wird als Wert leider sehr eng definiert, dabei fordert zum Beispiel der Umgang mit Ideen auch sehr viel Kreativität. Eine Idee ist ein Konzept, aber auch eine Verbindung oder eine neue Perspektive. Eine Geschichte schafft genau diese neue Perspektive. Gute Geschichten helfen z.B. Kindern überhaupt erst, eine Position in der Welt einzunehmen, sich ein Bild von Gut und Böse zu machen.

 

Geschichten ziehen Menschen in ihren Bann

Eine gute Geschichte wird schnell abgespeichert und belebt Konversationen oder Dialoge. Sie macht Small Talk interessanter und schafft in Dialogen Tiefgang. Die Bedeutung des Geschichten-Erzählens zeigt sich häufig auch ganz banal in der Kaffeepause in der Firma und ist essentiell in Bars und Kneipen beim Kennenlernen und Flirten.

Eine humorvolle Selbstdarstellung bietet größte Erfolgschancen, und fördert das Bedürfnis nach Anerkennung, die in Form von Aufmerksamkeit oder Bewunderung erreicht wird. Unter Freunden und Bekannten ist ein guter Erzähler gern gesehen, nicht nur aus Gründen der Unterhaltung. Er besitzt ein Talent oder sogar eine Stärke, die oft gar nicht als solche wahrgenommen wird. Sprachliche Bilder zeigen am besten, was in uns vorgeht und was uns bewegt und inspiriert. Sie lösen Bewunderung und Begeisterung aus, d.h. intensive Gefühle. Gut erzählte Geschichten bewirken also positive Gefühle.

 

Geschichten sind identitätsbildend

Geschichten dienen also nicht nur der Unterhaltung, sondern bilden auch unsere Identität, unser Selbstverständnis. Die Frage „Wer bin ich wirklich?“ ist sowohl in der Psychologie als auch in der Philosophie mit der Sinn-Frage verbunden, die durch Erzählungen, durch eigene Zuschreibungen und jene von anderen (unserem Netzwerk) entstehen.

Nicht jeder weiß geschickt mit dem Lebensskript umzugehen, vor allem wenn unvorhergesehen Probleme auftreten, wenn wichtige Lebensziele fehlen oder wenn Werte nicht genug reflektiert werden. Der Unterschied zu Theater oder Film ist lediglich, dass im wirklichen Leben manchmal zu wenig oder zu viel Regie geführt wird. Wer zu wenig Regie führt, wer also wenig oder keine Ziele hat, ist in der Coaching-Sprache reaktiv. Jemand kann dewegen nur auf Situationen reagieren, die das Leben bietet und nicht aktiv eingreifen. Wer zu viel Regie führt, könnte perfektionistische Ansätze haben. In beiden Fälle kann es vorkommen, dass der Protagonist (im Coaching: der Klient) Hilfe braucht.

 

Übung mit dem Life Coach – Geschichten für Veränderungsprozesse nutzen

Im Coaching können Menschen Sinn und Ermutigung erfahren, wenn sie aus ihrem Leben erzählen. Negative Geschichten bestimmt durch negative Emotionen wie Ärger oder Wut , können durch Perspektivenwechsel eine andere Bedeutung bekommen und verschollene, positive Geschichten können aus der Vergangenheit zurückgeholt werden. Der Vorteil des Story-Tellings: Häufige Anliegen im Life Coaching, wie Konflikte in der Kommunikation, Umgang mit Zeitmanagement oder die Suche nach entscheidenden Emotionen und Werten müssen nicht analytisch abgefragt werden, sondern können anhand von eigenen kleinen Geschichten in einer narrationsgenerierenden Eingangsfrage deutlich gemacht werden.

 

Beispiel Stefan

Identität und Selbstwahrnehmung stärken → Identitätskonstruktion

Stefan hat ein Problem, sich im Umgang mit anderen authentisch und selbstbestimmt zu geben. Dies kann von alltäglichen Situationen bei der Arbeit reichen bis hin zum Flirten. Immer wieder kommen Fragen hoch wie: „Wer bin ich überhaupt?“, „Was macht mich aus?“ Wie würde ich mich selbst im Hinblick auf meine Talente beschreiben? Unterstützung bieten vorgefertigte Profile wie das Enneagramm. Man kann sich spiegeln an Profilen wie: „Bin ich eher ein Vermittlertyp oder ein Lebensgenießer?“

 

Fremdbild – eine praktische Übung

Wähle mindestens fünf Menschen in deiner Umgebung, die dich beschreiben und sich dabei daran orientieren, was dich als Persönlichkeit ausmacht. Denke dabei an Freunde und Familie, eventuell gute Bekannte.

 

Fazit

Episoden aus dem eigenen Leben werden in eine erzählerische Struktur gebracht. Das Resultat ist oft verblüffend, man bekommt Anerkennung, was wiederum den Selbstwert stärkt.

 

© Timo ten Barge [08.12.2017]