David kam zu mir, weil er gerne wissen möchte, wie er mit Konflikte umgeht. Er sieht sich selbst als sehr sozial und als jemanden, der seine Gedanken ordnen kann. Wenn es um unterschiedliche Ansichten geht, fällt es ihm aber schwer, eine eigene Meinung zu vertreten. Er weiß nicht, wie er sich anderen gegenüber verhalten soll, wenn es einmal brenzlig wird. Als David vor kurzem einen Streit zwischen Kollegen beobachtete, äußerte er seinem Chef gegenüber, er sei froh, selbst kaum in Konflikte verwickelt zu sein. Diese Bemerkung gefiel seinem Chef nicht. David verstand nicht, wieso. Im Verlauf ihres weiteren Gesprächs stellte sich heraus, dass David demnächst für eine Stelle als Projektmanager vorgesehen sei. Sein Vorgesetzter machte ihm deutlich, dass er gerade für die künftige Führungsrolle den Umgang mit Konflikte üben solle. So hatte David das selbst noch nicht gesehen …

Was ist ein Konflikt?

 

Äußerer Konflikt 

Ein äußerer Konflikt ist eine Situation, in der Menschen unterschiedlicher Meinung sind und in der zusätzlich die Kommunikation zwischen den Beteiligten so weit gestört ist, dann mindestens eine Person darunter leidet.

Innerer Konflikt

Ein innerer Konflikt vollzieht sich im Inneren einer Person und verursacht ebenfalls Leid. Auslöser ist dabei häufig das Treffen schwieriger Entscheidungen, beispielsweise die Überlegung, ob man wirklich bereit ist, für weniger Arbeit eventuell die Kariere zu opfern.

Konflikte meistern

Konflikte gehören zum Leben. Sie kommen sowohl im Arbeitsleben als auch im Privaten vor, z.B. in Partnerschaften. Sie sind nichts Ungewöhnliches oder gar etwas, das man verleugnen müsste. Auch harmoniebedürftige Menschen wie David können lernen, sich mit Konflikten auseinanderzusetzen, um so ihr berufliches Leben besser zu meistern. Dabei wird er feststellen, dass Konflikte auch positive Seiten haben. So steigert das Gefühl, etwas gemeistert zu haben, die Selbst- Anerkennung.

Warum sind Konflikte gut?

 

Erleichterung

Konflikte auszutragen verschafft oft ein Gefühl der Erleichterung. Wenn Konflikte dagegen vermieden werden, bleiben negative Emotionen häufig lange zurück.

Erweiterung der eigenen Grenzen

Das Auseinandersetzung mit Konflikten führt automatisch dazu, dass man seine eigenen Grenzen kennenlernt. Man erlebt in Gesprächen, wann die eigenen Werte verletzt zu werden drohen. Oder man wird sich bewusst darüber, welche Werte von persönlicher Bedeutung sind.

Kennenlernen von Gefühlen

Das Austragen eines Konflikts kann einem klarmachen, wie der eigene Umgang mit Gefühlen ist. Reagiere ich eher mit Wut und Ärger? Oder bin ich in Konfliktsituationen eher vorsichtig und ängstlich? Für manch einen ist es das erste Mal, dass er sich bewusst mit den eigenen Gefühlen auseinandersetzt.

Bereicherung der Beziehung

Konflikte gehören zu bestimmten Gesprächsarten dazu. In Diskussionen werden Positionen (Werte und Bedürfnisse) ganz klar ausgedrückt. Dabei ergibt sich die Möglichkeit, andere Menschen auf eine neue Art kennenzulernen.

Konflikt-Typen, Konflikt-Ursachen und Konflikt-Phasen

Der Umgang mit Konflikten wird einfacher, wenn wir erstens wissen, welche Konflikt-Typen es gibt (und welchen wir uns selbst zuzuordnen können). David ist ein Beispiel des “Konflikt-Vermeiders“. Er ist er harmoniebedürftig und räumt in seiner Welt Konflikten keinen Platz ein.

Zweitens ist es wichtig zu wissen, dass sich bestimmte Ursachen hinter Konflikten verbergen. Das können unterschiedliche Kommunikationsstile sein, aber auch Werte, Gefühle, Bedürfnisse oder Ziele. Dabei zeigt sich auch, welche Stärken und Schwächen der Einzelne hat. Außerdem wird ersichtlich, wie selbstbestimmt und selbstsicher jemand ist und ob er Angriff oder Rückzug wählt.

Drittens ist es hilfreich zu wissen, welche Konflikt-Phasen es gibt, um eine geeignete Strategie anwenden zu können. Wenn ein Konflikt in der Anfangsphase ist, reichen meist sachliche Argumente völlig aus. Befindet sich die Situation jedoch bereits in einer Phase, in der eine Eskalation droht, ist mehr vonnöten, um den Konflikt zu beseitigen.

Welche Konflikt-Typen gibt es?

 

Der Vermeider

Definition: Ein Konflikt wird vermieden, wenn keine Stellung zum Inhalt oder zu den beteiligten Personen bezogen wird. Die gesamte Konfliktsituation wird ignoriert.

  • Verhaltenstyp introvertiert, sensibel → Bedürfnis nach Ruhe Stärke Behutsamkeit
  • Emotionen Angst und Besorgnis
  • Werte Werte bleiben versteckt
  • Vorteil  Der Vermeider macht es sich bequem, verschwendet kaum (negative) Energie, was an sich nicht per se eine schlechte Strategie sein muss.
  • Nachteil  Der Konflikt bleibt womöglich ungeklärt und beeinträchtigt so vielleicht (unbewusst) Gefühle, Denken und Handeln.

Positives Beispiel: Wenn man in der U-Bahn jemanden unabsichtlich anrempelt und von diesem beschimpft wird, kann es sinnvoll sein, den Konflikt in diesem Fall zu ignorieren und keine Energie zu verschwenden. Unnötige Probleme werden so vermieden.

Der Kämpfer

Definition: Im Konflikt werden die eigenen Ziele, Bedürfnisse und Wünsche verfolgt. Die Sache, also der Inhalt, ist wichtig, die beteiligten Personen, also zwischenmenschliche Beziehungen, sind zweitrangig oder unwichtig.

  • Verhaltenstyp extrovertiert, ein Macher → Bedürfnis nach Kontrolle Stärke Durchsetzung eigener Interessen
  • Emotionen Wut oder Ärger
  • Werte Eigene Werte werden explizit geäußert, Werte des anderen weitgehend ignoriert
  • Vorteil  Das gewünschte Ergebnis wird höchstwahrscheinlich erreicht, die eigene Wünsche und Bedürfnisse werde befriedigt
  • Nachteil Viele negative Emotionen wie Wut oder Ärger können dem Kämpfer selbst, aber vor allem auch seiner Beziehung zu anderen so sehr schaden, dass schwere Schäden bleiben.

Positives Beispiel:  Im Büro werden jeden Monat Projekte vergeben. Es herrscht oft Uneinigkeit bei der Vergabe. Weil du perfektionistische Ansprüche an dich hast, wählst du oft nur ein kleines Projekte aus, damit du es zeitlich schaffst. Diesmal jedoch schnappst du dir das schönste Projekt und du nimmst dir vor, weniger perfektionistisch zu sein. Du befriedigst also einmal dein eigenes Bedürfnis, auch wenn es in diesem Fall auf Kosten der anderen geht.

Der Anpasser

Definition: In der Konfliktsituation werden die eigenen Ziele, Bedürfnisse und Wünsche nur wenig verfolgt. Die Sache, also der Inhalt, ist unwichtig. Wichtig sind die anderen beteiligten Personen, d.h. die Beziehung steht im Vordergrund.

  • Verhaltenstyp introvertiert, sozial → harmoniebedürftig Stärke Anpassungsfähigkeit
  • Emotionen Interesse, Vertrauen, Akzeptanz, aber auch Frustration
  • Werte Eigene Werte werden kaum berücksichtigt im Gegensatz zu denen des anderen
  • Vorteil Andere fühlen sich durchgehend wohl in der Umgebung des Anpassers, weil dieser als sehr sozial wahrgenommen wird.
  • Nachteil Für den Erhalt der guten Beziehung opfert der Anpasser die eigenen Ziele, Bedürfnisse und Wünsche. Das kann auf Dauer frustrierend sein und sein Selbstwertgefühl schädigen.

Positives Beispiel: Weil noch nicht klar ist, wo ihr als Paar dieses Jahr Silvester feiert, treten Spannungen auf. Wie immer bist du derjenige, der einlenkt und am Ende mit dem Vorschlag des anderen einverstanden ist. Du wählst bewusst die Harmonie, nimmst dir aber vor, die Planung beim nächsten Mal früher selbst in die Hand zu nehmen, was du deinem Partner (wertfrei) mitteilst.

Der Kompromissler

Definition: Von beiden Konflikt-Parteien werden Zugeständnisse an die eigenen Ziele, Bedürfnisse und Wünsche gemacht. Sowohl die Sache, also der Inhalt, als auch die Personen, also deren Beziehung, stehen für beide im Vordergrund. Das gilt auch, wenn dadurch am Ende keine ideale Lösung gefunden werden kann.

  • Verhaltenstyp introvertiert und sozial → Bedürfnis nach Diplomatie Stärke Einfühlungsvermögen, Gerechtigkeit
  • Emotionen Interesse, Vertrauen, Akzeptanz, aber auch Enttäuschung
  • Werte Eigene Werte werden halbwegs berücksichtigt, die des anderen ebenso.
  • Vorteil Wenn auch nicht vollständig, so erreichst der Kompromissler doch einen Teil seiner Ziele oder erfüllt die eigenen Bedürfnisse. Den anderen Beteiligten geht es genauso. Dass beide Parteien etwas davon haben, gibt allen ein gutes Gefühl.
  • Nachteil Keine der Parteien kann ihren Zielen, Bedürfnissen und Wünschen vollständig gerecht werden. Enttäuschung kann sich breit machen und die Frage, ob nicht mehr hätte erreicht werden können.

Positives Beispiel: Beim Kauf eines Fahrrads weist du den Verkäufer darauf hin, dass es Kratzer hat. Da es das letzte Modell, schlägt er dir einen Preisnachlass vor und du willigst ein. Dein Kompromissverhalten hat sich gelohnt, weil dir den Stress erspart, den der Besuch weiterer Fahrradläden bedeutet hätte.

Der kooperative Typ

Definition: Die eigenen Ziele, Bedürfnisse und Wünsche werden vollständig verfolgt und erreicht. Die Sache, also der Inhalt, und die Beziehung stehen für alle beteiligten Personen im Vordergrund. Alle profitieren optimal von der Lösung des Konflikts.

  • Verhaltenstyp extrovertiert, sozial und gelassen → Bedürfnis nach optimaler Lösung für alleStärke Einfühlungsvermögen, Kommunikation, positive Einstellung
  • Emotionen vor allem positive: Interesse, Vertrauen, Akzeptanz, Freude
  • Werte Eigene Werte werden berücksichtigt, Werte des anderen ebenso.
  • Vorteil Der Konflikt wir in einer sogenannten Win-Win-Situation aufgelöst. Diese Leistung stärkt das Selbstwertgefühl und schafft Vertrauen, wenn in Zukunft weitere Konflikte auftreten.
  • Nachteil Es kostet manchmal viel Zeit und raubt viele Energie, wenn beide Parteien vollständig zufrieden gestellt werden sollen.

Positives Beispiel: Du hast einen Konflikt mit deinem Chef, weil das Mitarbeitergespräch mit ihm schon einige Male verschoben wurde. Du sprichst ihn freundlich und direkt darauf an. Dein Chef ist offen für Kritik zu sein und lobt dich. Schon bald erhältst du eine Gehaltserhöhung.

Welche Konflikt-Phasen gibt es?

 

1. Die sachliche Phase  Hier hängt es von den Kommunikationskompetenzen ab, ob ein Konflikt weiter eskaliert. Entscheidend dabei ist, wie der Inhalt des Konflikts wiedergegeben wird.

2. Die persönliche Phase Hier stehen vor allem Werte und Bedürfnisse im Mittelpunkt.

3. Die Kampfphase Hier gibt es es nur noch Verlierer. Der Konflikt eskaliert, es werden vor allem negative Emotionen geäußert.

Welche Konflikt-Ursachen und Lösungsmöglichkeiten gibt es?

 

1. Das Fehlen von Kommunikations-Kompetenzen

Ursache

Ein Konflikt kann entstehen, wenn zum Beispiel Sach- und Beziehungsebene verwechselt werden. Ein niedriges Selbstwertgefühl führt oft dazu, dass inhaltliche Argumente fälschlicherweise als persönlicher Angriff gewertet werden. Das kann schon geschehen, wenn jemand den Ton nicht trifft und der andere deshalb zwischen den Zeilen Kritik wahrnimmt. Man spricht hier von “paraverbaler Sprache”.

Lösung

Das Kommunikationsquadrat (von Thun) schafft auf diesen Ebenen Klarheit: Auf der Sachebene sollte der Sprecher verständliche und relevante Informationen geben. Auf der Beziehungsebene sollte er sein Gegenüber respektieren. Man sollte sich bewusst machen, dass nicht jeder in jeder Situation den richtigen Ton treffen kann. Dabei sollte auch die gegenwärtige emotionale Lage des Sprechers berücksichtigt werden. Menschen mit einem hohen Selbstwertgefühl „überhören“ deshalb leichter kritische Töne.

2. Das Fehlen eines wertschätzenden Umgangs

Ursache

Wenn Geringschätzung oder sogar Verachtung in Sprache oder Körpersprache geäußert werden, sind Konflikte vorprogrammiert. Bei einem Ausdruck von Wertschätzung dagegen geht es um Respekt und Achtung für die Person an sich, unabhängig von ihren Leistungen.

Lösung

Es ist entscheidend, wertfrei zu kommunizieren. Das funktioniert durch die Äußerung positiver Gefühle in Ich-Botschaften. Wichtig ist es, eigene Bedürfnisse zu äußern und gleichzeitig eine positive Körpersprache zu haben.

3. Ein fehlender Zugang zu den eigenen Emotionen

Ursache

Manche Menschen betrachten Emotionen als etwas, das unterdrückt, kontrolliert oder vermieden werden sollte. Um richtige Entscheidungen zu treffen, ist aber Vernunft alleine nicht ausreichend. Der Hirnforscher Gerhard Roth behauptet sogar, das gerade Emotionen und nicht die Vernunft primär unser Handeln steuern.

Lösung

Es ist wichtig, zuerst einmal alle unterschiedlichen Emotionen zu erkennen. Ferner sollte man verstehen, wie und wann sie entstehen, und schließlich, wie sie zu kontrollieren sind. Ein wichtiger Bestandteil im Coaching ist, dies herauszufinden.

4. Fehlendes Wissen über Mimik und Körpersprache

Ursache

Da unsere Kommunikation zum größten Teil über Mimik und Körpersprache erfolgt, ist es verwunderlich, dass sich die Wenigsten damit auseinandersetzen, Schauspieler vielleicht einmal ausgenommen. Weil zum Beispiel Blicke der Verachtung oder Ärger teilweise nur für Millisekunden sichtbar sind, ist das Ganze kein einfaches Feld.

Lösung

Das Wissen über Mimik und Körpersprache ermöglicht zeitiges ein Eingreifen, damit eine angespannte Situation nicht weiter eskaliert. Man muss kein “Gesichterleser“ werden, um Konflikte in ihrer Entstehung beobachten zu können. Trotzdem, etwas Achtsamkeit und etwas Wissen über die sogenannten Basis-Emotionen wie Ärger, Ekel und Verachtung ist sehr hilfreich.

Weitere Ursachen

 

Erziehung

Wenn jemand in seiner Erziehung nie gelernt hat, Konflikte als etwas Positives anzusehen, besteht die Gefahr, ihnen ein Leben lang aus dem Weg zu gehen. Die Person ergreift die Flucht – so wie David.

Werte

Menschen, die ihre eigenen Werte nicht kennen, werden in Gesprächen, in denen Spannungen entstehen, immer wieder von der Verletzung ihrer Werte überrascht sein. Werte sind etwas Abstraktes, sie sind aber leicht mit Hilfe eines Life Coaches herauszuarbeiten. Dabei wird Bezug genommen auf konkrete Erfahrungen.

Selbstreflektion

Menschen, die wenig reflektieren, wissen nicht genau, wo ihre persönlichen Grenzen liegen: Die Selbst-Einschätzung fehlt. Das führt dazu, dass Konflikte leichter entstehen und leichter eskalieren. Dabei muss man kein Philosoph sein, um reflektieren zu können. Bewusstsein über Gefühle und Gedanken und das Entwickeln einer neuen Perspektive reichen schon aus.

Hilfestellung Life Coach  

Wir schauen uns gemeinsam an, worum es im Detail genau geht. Welche Störfaktoren gibt es? Welche Rollen nehmen die Beteiligten dabei jeweils ein? Wie kann der Konflikt weitgehend gelöst werden. Welche Geschichte, welche Narrative steckt dahinter?

Die Unterscheidung der einzelnen Konflikt-Typen ist dabei ein nützliches Tool. Natürlich ist es sehr verführerisch, Menschen in eine bestimmte Kategorie einzuordnen. Das ist aber nur eine vereinfachte Wiedergabe der Wirklichkeit. Menschen sind nämlich nicht nur einem einzigen bestimmten, konstanten Konflikttypen zuzuordnen – je nach Kontext oder Situation handeln sie womöglich jedes Mal anders.

Außerdem müssen vor allem der Konfliktinhalt (Positionen und Interessen) sowie der Konfliktbezug (Beziehung zum Konfliktpartner) beleuchtet werden.  Die oben beschriebene Unterscheidung von Konflikttypen, Konfliktursachen und Konfliktphasen kann sehr hilfreich sein.

Letztlich sind dies aber nur theoretische Methoden. Psychologische Modelle und Coachingtools sind wichtige Hilfsmittel – aber nicht mehr als das. Das Wichtigste im Coaching sind genaues Zuhören und das “Zwischen-den-Zeilen-Lesen“. Vor allem gilt es, den Gesamtüberblick zu behalten. Nur dann sind wichtige Lebensziele zu erreichen.