Susanna ist eigentlich eine sehr lebenslustige dynamische Frau. Sie erzählt voller Begeisterung über ihre Arbeit, damals eine Berufung. Dabei liegt diese Freude mittlerweile eher in der Vergangenheit. Sie arbeitet als Lektorin in einem großen Verlag, ist dort verantwortlich für Sachbücher und wird von ihren Kollegen generell sehr geschätzt. Sie arbeitet akribisch und gewissenhaft.

In letzter Zeit jedoch fühlt sie sich etwas orientierungslos. Ihr Arbeitspensum von fünfzig bis sechzig Stunden pro Woche hat sie früher nicht gestört. In letzter Zeit aber reagiert sie empfindlich auf Kritik und fühlt sich abhängiger vom Lob ihrer Vorgesetzten, während sie das Gefühl hat, dass die positive Kommunikation etwas nachgelassen hat.

Ihre Freunde bewundern sie für ihr breites Wissen und meinen, dass sie sich glücklich schätzen muss, weil sie schließlich ihre Berufung gefunden hat. Sie selbst kann das mittlerweile nicht mehr hören und wechselt in solchen Situationen mittlerweile lieber das Thema. Wenn sie abends allein zu Hause ist und sich zu lange mit Facebook und Instagram beschäftigt, fühlt sie sich unzufrieden und leer.

Von mir als Life Coach möchte sie wissen, wieso sie ihre angebliche Berufung nicht mehr genießen kann. Sie fragt sich, ob sie was ganz anderes machen soll und ob der Sinnverlust ein Grund ist, zum Psychotherapeuten zu gehen. Gerne würde sie ihre Freizeit auch abwechslungsreicher gestalten und sich mehr ihren Hobbys Hobbys widmen.

 

Analyse durch den Life Coach

 

Susanna kann ihre Arbeit nicht mehr genießen. Was früher eine harmonische Leidenschaft war, ist inzwischen zu einer obsessiven Leidenschaft geworden. Eine Berufung, die nicht mehr im Gleichgewicht ist, kann zu einem Burnout führen, so die niederländische Wissenschaftlerin Eva de Mol von der Universität von Berkeley. Menschen, die ihre Berufung harmonisch leben, haben Spaß und sind intrinsisch motiviert.

Menschen, die ihre Berufung obsessiv ausüben, leisten immer weiger und erfahren negativen Stress. Sie schätzen eher Werte wie Prestige oder Status, und erleben weniger Genuss. Ihr Bezug zu ihrer Arbeit ist oft suchtähnlich, so auch bei Susanna. Ohne Arbeit weiß sie nicht mehr, was sie mit sich anfangen soll. In letzter Zeit schleichen sich in ihrer Arbeit zudem immer mehr Flüchtigkeitsfehler ein. Das ist auch schon ihrem Chef aufgefallen. Weil Susanna schon als Kind gelernt hat, dass Fehler nicht toleriert werden, leidet sich unter dieser Situation.

 

Hilfestellung durch den Life Coach

 

Susanna folgt vielen negativen Glaubenssätzen, die wir aufgearbeitet haben. Sie lernt, dass Fehler-Machen nicht gleich Scheitern bedeuten muss und dass man auch mit „Trial and Error“ zum Ziel kommen kann. Ihre Kritik-Empfindlichkeit deutet auf einen niedrigen Selbstwert hin. Wir machen Übungen, die Susannas Selbstwert stärken.

Da die Kommunikation mit ihren Vorgesetzten nicht mehr zielführend ist, setzen wir uns in Rollenspielen damit auseinander. Am Ende entscheidet sich Susanna kürzer zu treten und „nur“ noch vierzig Stunden pro Woche zu arbeiten. Einen Tag arbeitet sie von zu Hause aus. Nach Feierabend besucht sie wieder einen Yoga-Kurs und an den Wochenenden macht sie wieder Ausflüge mit ihren Freunden. Sie verabschiedet sich von Facebook und Instagram und schaltet ihr Handy zwischendurch aus. So fühlt sie sich immer selbstbestimmter und fühlt sich nicht mehr leer.

Eine Psychotherapie kommt für sie nicht mehr in Frage. Die Frage, ob sie immer noch ihre Berufung lebt, beschäftigt sie vorerst nicht mehr. Sie ist einfach zufriedener an der Arbeit und genießt vor allem ihre Freizeit viel intensiver. Da sich Susanna nun nicht mehr nur über ihre Arbeit definiert, fühlt sie sich authentischer und gelassener.

 

Was ist eine Berufung?

 

Berufung ist ein passiver Begriff: Man wird berufen. Eine Berufung – auf englisch: vocation – kann von innen kommen, als eine Art innere Stimme, die einem sagt, was zu tun ist. Das setzt voraus, dass jeder in sich bestimmte Möglichkeiten, Talente und Stärken mit sich herumträgt, die ihn, wenn er sie nach außen kehrt, mit Erfüllung belohnen.

Jemand, der also mit Leidenschaft seine Arbeit verrichtet und von ihr erfüllt wird, kennt bewusst oder unbewusst seine Möglichkeiten sowie Werte und richtet sie auf seine Ziele aus. Philosophisch gesehen ist eine Berufung das, was ein gutes Leben ausmacht, d.h. was zu einem gelungenen, sinnerfüllten und genussvollen Leben führt. Einer Berufung geht bisweilen eine Lebenskrise voraus. Wer aber mutig an seinen Wünschen, Bedürfnissen und Zielen festhält, wird belohnt.

Eine Berufung ist eine ständige Herausforderung. Sie ermöglicht ein selbstbestimmtes Leben. Negative, warnende Stimmen (Glaubenssätze) werden ignoriert oder überwunden. Jemand, der seiner Berufung folgt, ist meistens unangepasst und geht seinen eigenen Weg.

 

Walt Disney Methode

 

Nach Walt Disney kann jemand, der seine Berufung gefunden hat, sich an drei inneren Anteilen, sogenannten inneren Kritikern, orientieren. Diese sind für die Verwirklichung der eigenen Ideen wichtig, weil sie widerstrebende Stimmen befriedigen: Der „Träumer“ bannt die Gefahr und sorgt dafür, dass man sich nicht verrückt macht, wenn es mal nicht läuft. Der „Macher“ sorgt dafür, dass man handelt und etwas zustande bringt. Schließlich sorgt der „Kritiker“ dafür, dass Ideen und Pläne an der Realität überprüft werden. Die eigene Berufung finden zu wollen, ist kein naives Wunschdenken.

Im Grunde kann jeder seine Berufung finden, wenn er sich nicht in eine falsche Idee verrennt, denn natürlich kann nicht jeder einfach so Arzt oder Anwalt werden. Dennoch gehört eine gewissen Offenheit dazu, in der Psychologie neophili genannt. Die Suche nach der Berufung ist oft Bestandteil des Life Coachings. Dabei werden die Möglichkeiten und Ressourcen des Suchenden realistisch betrachtet. Auch bestimmte Aspekte der Persönlichkeitsstruktur und gewisse Talente müssen dabei berücksichtigt werden. Die eigene Berufung zu finden, ist oft ein langer Weg, den man nicht ohne eine gewisse Beharrlichkeit bzw. Disziplin bewältigt. Diese Stärke zu fördern, kann Teil des Life Coachings sein.

 

Berufung und Identität

 

Wenn ich als Life Coach meine Kunden nach einer Selbstbeschreibung frage, greifen diese fast immer auf ihre Arbeit zurück. Bei Denjenigen ohne Arbeit fällt die Selbstbeschreibung meist besonders negativ aus. Keine Berufung zu finden, heißt im Umkehrschluss jedoch nicht, dass das eigene Selbst-Bild nicht stimmt.

 

Enneagramm

 

Wenn jemand seine Identität nicht definieren kann oder dies nur über seine Arbeit, suche ich mit ihm zusammen nach Alternativen. Dazu eignen sich zum Beispiel Tools wie das Enneagramm. Auch identitätsstärkende Handwerkszeuge wie der sogenante „Elevator-Pitch“ nehmen Druck von der Idee, die Berufung nur als etwas zu sehen, das die gesamte Person ausfüllen muss. Beruf und Identität können zusammenfallen, müssen es aber nicht.

 

Berufung philosophisch betrachtet

 

Vom Philosophen Rousseau stammt die (romantische) Idee, dass jeder von uns ein einzigartiges Talent besitzt. Ziel im Leben sei es, diese Gabe, zu finden und zur Entfaltung zu bringen. Auf die heutige Zeit übertragen, würde das bedeuten, der Mensch müsse sich im Beruf selbst verwirklichen oder noch ganzheitlicher: im gesamten Leben.

 

Sokrates

 

Sokrates dagegen ist vielleicht gar ein Beispiel einer leibhaftigen Verwirklichung der Berufung. In Platons Dialogen wird er oft begleitet von einem sogenannten Daimon – nicht zu verwechseln mit dem mittelalterlichen Deamon (Teufel). Der Daimon des Sokrates ist so etwas wie eine innere Stimme, die ihn davon abhalten soll, Fehlentscheidungen zu treffen.

Nach dem niederländischen Philosophen Jos Kessels könnte man ihn mit etwas Fantasie auch positiver übersetzen als Berufung. Daher könnte man wohl sagen, dass Sokrates seine Berufung gefunden hatte. Tatsächlich wusste Sokrates genau, was er tun wollte, wenn er am Morgen aufstand. Seine Leidenschaft galt dem Führen von Gesprächen auf dem Marktplatz. Es waren ganz besondere Gespräche und ihre Gesprächsführung trägt mittlerweile den Namen des Philosophen: „sokratische Gespräche“. Nicht zufällig ging es in vielen dieser Gespräche darum zu entdecken, was das gute Leben ausmacht. Heute hätte Sokrates als Life Coach sein Geld verdienen können.

 

Wenn die eigene Berufung (Bestimmung) gefunden wird

 

Eine Kundin, die sehr erfolgreich als Unternehmensberaterin tätig war, fand nach einigen Sessions heraus, dass ihre eigentliche Leidenschaft dem Umgang mit authentischen Menschen galt. In ihre Arbeit war die Kommunikation nicht immer fair, die Unternehmenswelt ist hart. Sie wünschte sich mehr als nur den üblichen Smalltalk.

Es waren vor allem die sogenannte unangepassten Menschen, denen ihr besonderes Interesse galt, auf die sie jedoch in ihrem aktuellen Beruf nur selten traf. Sie besaß sogar eine Art privilegierten Zugang zu nicht ganz einfachen Menschen.

Weil sie früher einmal eine Ausbildung zur Fitnesstrainerin absolviert hatte, sattelte sie um und wurde zur Sporttrainerin in einer psychiatrischen Klinik. Sie bekam freie Hand und durfte auch ihre organisatorischen Talente nutzen. Endlich hatte sie das Gefühl, angekommen zu sein, ihre Bestimmung gefunden zu haben. Der Berufswechsel war somit ein Erfolg.

 

Test: Job oder Berufung?

 

Lebe ich meine Berufung schon oder stecke ich in einem unbefriedigenden Beruf fest? In welchen der unterstehenden Sätze erkenne ich mich am ehesten wieder? Wo habe ich am meisten Punkte gesammelt ? Da befinde ich mich aktuell. Die entscheidende Frage ist dann, bin ich zufrieden mit der Situation wie sie ist? Wenn nicht, lohnt es sich Life Coaching in Anspruch zu nehmen.

 

Job

 

1 Ich funktioniere bei der Arbeit.
2 Ich bin motiviert, wenn ich Lob und Anerkennung bekomme.
3 Ich habe einen charismatischen Chef oder charismatische Kollegen.
4 Ich bin oft entweder unter- oder überfordert.
5 Ich verdiene nicht schlecht. (Meine Kollegen verdienen aber mehr.)
6 Ich erledige meine Arbeit gewissenhaft und diszipliniert, manchmal auch perfektionistisch.
7 Ich befolge die Anweisungen ganz genau (mache mir aber nicht viele Gedanken darüber).
8 Ich kenne die jeweiligen Projektziele.
9 Ich kann bei meiner Arbeit meine wahren Fähigkeiten nicht einbringen.
10 Wenn ich aufstehe, freue ich mich nicht wirklich auf meine Arbeit.
11 Nach der Arbeit bin ich oft müde und kann mich nur zu wenig aufraffen.
12 Ich bin nur wirklich entspannt, wenn es fast Wochenende ist.
13 Ich erfülle meine Bedürfnisse eher in meinem Urlaub, letztendlich arbeite ich dafür.
14 Meine Arbeit (Job, Beruf) ermöglicht mir ein sorgenfreies Leben
15 Durch meine Arbeit (Job, Beruf) bin in in der Gesellschaft integriert
16 Meine Arbeit kann ich mir nicht als mein Hobby vorstellen.

 

Berufung

 

1 Ich bin mit dem Herzen dabei, bin oft glücklich.
2 Ich bin meistens entspannt, wenn ich arbeite. Ich muss mir nichts beweisen.
3 Ich stelle fest, dass ich auf andere eine Anziehungskraft ausübe.
4 Ich brauche mich nicht extra zu motivieren, ich bin es einfach.
5 Ich habe ausreichend Geld, mache mir, was das angeht, wenig Sorgen.
6 Ich bin oft im Flow.
7 Ich kenne meine Ziele, schaue aber nicht weiter in die Zukunft als notwendig.
8 Ich kann bei meiner Arbeit meine wahren Fähigkeiten entfalten und einbringen.
9 Ich denke manchmal auch am Wochenende oder im Urlaub an meine Arbeit und denke über Lösungen, Strategien in dem Bereich nach.
10 Wenn ich morgens aufstehe, freue ich mich schon auf meine Arbeit (auf den Tag),
11 Nach der Arbeit fühle ich mich noch fit und gehe noch meinen Hobbys nach.
12 Ich bin meistens entspannt.
13 Ich kenne meine Bedürfnisse gut und erfülle sie.
14 Meine Arbeit ermöglicht mir ein aufregendes Leben.
15 Durch meine Arbeit (Job, Beruf) kann ich mich selbst entfalten
16 Meine Arbeit ist mein Hobby. (= Idealfall)

 

© Timo ten Barge [10.02.2020]