Es kommt immer wieder vor, dass jemand mit einer Fallbeschreibung zu mir kommt, die schon während einer Sitzung verschiedene Stadien durchläuft: von der Beschwerde hin zu einem Problem, zu einer Forderung etc., welche dann letztendlich mit etwas Hilfe zu einer oder mehreren Fragen führt. Das Ganze endet also im Idealfall beim Fragen und Hinterfragen. Dabei geht es oft um verborgene Werte und Ziele, die bewusst oder unbewusst mit den Aussagen verknüpft werden. Wie aber werden die Probleme gelöst?

 

Probleme

1) Gerne möchte ich etwas an der Arbeit verändert haben, es herrscht ein schreckliches Klima und ich möchte, dass wertfrei miteinander umgegangen wird und dass Kompetenzen neu verteilt werden. (Algemeine Beschwerde) → im Grunde persönliche Beschwerde, aber sachlich formuliert, um die Situation nicht an sich heranzulassen

2) Ich weiß nicht, wie ich meine Kollegen oder meinen Chef dazu bringen kann, die Sache ernst zu nehmen, es macht mich wütend und es frustriert mich (Verzweiflung: Umgang mit Emotionen und Gefühle)

3) Vor allem mein direkter Chef kritisiert mich andauert, er kann nicht gut zuhören, nur befehle austeilen. (Problem zugespitzt in Bezug auf Eigenwert: Umgang mit Kritik). Problem bezüglich Kommunikation →  die Seiten einer Nachricht.

4) Eigentlich ist mein Chef derjenige, der inkompetent ist. (Problem in Bezug auf leistungsbezogenen Selbstwert) Hinzu kommt, dass er immer zu spät ist. (Beschwerde bezüglich Zeitmanagement)

5) Endlich will ich ernst genommen werden und meine Qualitäten sollen honoriert werden, ich möchte mehr wahrgenommen werden. (Forderung nach Anerkennung und leistungsbezogener Selbstwert)

6) Ich bin sowieso überqualifiziert für diesen Job, aber ich bin irgendwie auf die Arbeit und das Geld angewiesen. (bloße Feststellung, unklar ob die Person finanziell abhängig ist von ihrem Job.)

7) Manchmal frage ich mich, ob ich alles richtig mache, ob ich überhaupt hier arbeiten soll. Ich hätte viel  mehr schaffen können, und darf keine Fehler mehr machen. (ganze Situation und Person wird in frage gestellt: emotionaler Selbstwert. Fehlerfreiheit anstreben → – Perfektionistische Ansprüche).

 

Hilfestellung Life Coach

Nach Hilfestellung seitens des Coaches ist diese Person bereit und in der Lage, eine Frage zu formulieren, die etwas mehr Licht auf die Situation wirft und die ganze Sachlage von Beschwerden über Probleme und Forderungen noch einmal hinterfragt:

8) Kann ich meinen direkten Chef dazu bringen, mich mit Respekt zu behandeln? → Welche Konsequenzen ziehe ich aus einem eventuellen negatives Ergebnis? Gehe ich zum obersten Chef?

9) Will ich mich damit zufrieden geben, dass ich unterfordert und unzufrieden bin? → Welche Konsequenzen ziehe ich daraus? Bin ich bereit, eventuell den Job zu wechseln? Hierauf eröffnen sich weitere Fragen, wie zum Beispiel: 10)

Bin ich meine Arbeit? → Will ich in meinem Job Erfüllung finden oder reicht mir ein gutes Gehalt?

 

Fazit

Die Problem-Lösung ist noch immer in weiter Ferne. Fragen können zuerst etwas mehr Klarheit verschaffen.

Probleme lösen

Probleme lösen mit schnelle Antworten zeugt von Tatkraft, Kompetenz, und Stärke . (Selbst) – Zweifel ist wenig beliebt. Niemand möchte gerne als schwach angesehen werden. Es verleiht außerdem dem Anschein von Sicherheit wenn Lösungen schnell gefunden werden. In der Schule gab es auch immer schon richtige und falsche Antworten, die „richtige“ Antworten standen ja im Buch oder wurden einem vom Lehrer vermittelt oder stehen mittlerweile im Internet z.B. unter Wikipedia.

 

Neugierde

Fragen stellen erinnert an eine Zeit, bevor es Schule gab, an Kindheit und Neugierde. Für Kinder ist die Welt noch voller Rätsel, die darauf warten entschlüsselt zu werden. Vieles wird zum ersten Mal wahrgenommen, es fasziniert und ruft Fragen auf. Diese Einstellung haben manche Erwachsenen verloren, damit verbunden wird das Fragen stellen manchmal als kindisch abgetan.

 

Fragen verwirren

Fragen Aufwerfen kann also als Zeichen von Schwäche, Unsicherheit oder Naivität aufgefasst werden, und es bringt eher Chaos als Ordnung. Fragen können Verwirrung schaffen. Sollte es lieber Philosophen überlassen werden, ewig um fundamentale Fragen zu kreisen? Nicht unbedingt. Fragen verwirren, weil sie eine bis dahin gestellte Sachlage in Zweifel ziehen.

Das, was vorher als scheinbar sicheres Wissen angenommen wurde, wird jetzt angezweifelt. Dieser Zweifel oder diese Unsicherheit kann in Stärke umgewandelt werden, weil sie Raum für neue Erkenntnisse schaffen. Schnelle Antworten können ein aktuelles Problem kaum lösen, da es unter anderen Umständen entstanden und mit anderen Erfahrungen in der Vergangenheit verknüpft ist.

 

Out of the Box denken

Ein tiefliegendes Problem lässt sich nicht im Rückschluss mit dem gleichen Gedankengang lösen. Da bringen sinnvolle Fragen mehr.

Coaches nennen so etwas „Out of the box“-Denken, im Grunde intuitives Denken. Menschen in kreativen Berufen machen so etwas andauernd. In diesem Berufszweig wird des Stellen von Fragen sehr positiv bewertet, die Leute brechen mit Autorität, können unbequem sein. Ein starres Festhalten an schnellen Lösungen wird hier, anders als in der Wirtschaft, eher als Zeichen von Schwäche ausgelegt.

 

Sokrates – Wie man ein gutes Leben führt

Früher konnten Fragen sogar so unbequem sein, dass man dafür zum Tod verurteilt wurde, dies passierte Sokrates, als es sich vor Gericht dafür verantworten musste, die Jugend von Athen mit seine Fragereien verdorben zu haben. Er hatte ganz klare Lebensziele und wollte herausfinden, wie man ein gutes Leben führt, und lud dazu andere in sein dialektisches Spiel von Fragen und (Schein-) Antworten ein. Dabei benutzte er für seine Dialoge die Kraft von Erzählungen.

Sein Ziel war es, zur Selbsterkenntnis zu gelangen. Zum Glück darf man mittlerweile ohne Probleme fragen stellen, auch die Frage, ob mit Antworten die meisten Problemen tatsächlich gelöst werden.

 

© Timo ten Barge [20.03. 2015]