„Als mein Freund Schluss gemacht hat, wurde mir plötzlich bewusst, wie sehr mich die Anwesenheit von anderen einschüchtert. Im Grunde weiß ich nie so recht, worüber ich mit anderen reden soll. Schüchternheit war eigentlich nie ein Thema. Zusammen haben wir die Welt auf Distanz gehalten und den Kontakt zur Außenwelt aufs Nötigste reduziert. Meine wenigen Freunde und Bekannten kenne ich über meinen Ex-Freund, der selbst auch eher ein schüchterner Typ ist.“ (Anja, 32 Jahre)

Um ihre Schüchternheit zu überwinden, hat Anja daraufhin ein paar Ratgeberbücher gelesen, was ihr nicht viel geholfen hat. Ansonsten hat sie nichts unternommen, die Hemmschwelle war einfach zu groß.

Im Büro macht sie viele Überstunden, arbeitet gewissenhaft und akribisch. Hin und wieder wird sie dafür gelobt, trotzdem versucht sie, sich unsichtbar zu machen. Sie spürt einen immer größer werdenden Druck, der auf ihr lastet, und hat Angst, dass sie dem nicht mehr gewachsen ist.

Obwohl Anja fünf Sprachen beherrscht, ist sie in den meisten Situationen sprachlos. Man sieht ihr nicht an, dass sie schüchtern ist, trotzdem fühlt sie sich ständig beobachtet und vermutet, dass andere ihre Gefühle und Gedanken lesen können.

Der Psychologe, den sie deshalb aufgesucht hat, hat behauptet, sie sei bloß introvertiert. Mittlerweile hat sie jedoch begriffen, dass das nur die halbe Wahrheit sein kann.

Was ist Schüchternheit?

Unter Schüchternheit versteht man laut dem Angstforscher Borwin Bandelow die Ängstlichkeit eines Menschen beim Knüpfen zwischenmenschlicher Beziehungen. Diese Angst ist eigentlich unbegründet und übertrieben, auch wenn dass schüchterne Menschen völlig anders sehen. Wer schüchtern ist, hat es privat und beruflich schwer. Die Angst vor anderen beeinträchtigt sein ganzes Leben. Wer schüchtern ist, hat kaum Lebensziele.

Wenn durch die Schüchternheit alle Lebensbereiche so stark beeinträchtigt sind, dass ein geregeltes Leben nicht mehr möglich ist, ist eine Psychotherapie ratsam.

Wer aber das tägliche Leben einigermaßen im Griff hat, kann auf einen Life Coach zurückgreifen und vor allem auf praktische Übungen, mit denen man die Schüchternheit überwinden kann.

Unterschied Schüchternheit – Verlegenheit

Bei beidem geht es um die Problematik der Selbstdarstellung und dabei vor allem um die Angst du versagen. Bei der Schüchternheit ist es eher die Antizipation des Versagens, bei der Verlegenheit eher die Reaktion, auf ein tatsächlich eingetretenes Versagen.

Jemand, der schüchtern ist, wird häufig auch in Verlegenheit gebracht, aber jemand, der in Verlegenheit gebracht wird, muss nicht notwendigerweise schüchtern sein.

Schüchternheit

Schüchternheit ist ein eher länger andauernden Zustand und beinhaltet Ängst, die bis in die Zukunft reichen. Wer schüchtern ist, will den anderen erst einordnen und Vertrauen schöpfen können, bevor er ein lockeres Gespräch führen kann. Diese Einordnung erfordert unnötige Zeit und führt häufig dazu, dass die Gelegenheit Kontakte zu knüpfen, vertan wird.

Begleitgefühle von Schüchternheit sind Angst, Verzweiflung, Trauer und Einsamkeit.

Verlegenheit

Verlegenheit tritt in einer unangenehmen Situation auf. Dabei handelt es sich meist um kurze peinliche Situationen in der Gegenwart. Sie geht mit einem Gefühl von Unsicherheit und Verwirrung einher. Der Betroffene denkt, dass er sein Gesicht verloren hat. Jemand kann in Verlegenheit gebracht werden, wenn plötzlich die Aufmerksamkeit auf ihn gerichtet ist und er nicht weiß, wie er sich verhalten soll. Begleitgefühle von Verlegenheit sind Scham, Überraschung und Verwirrung.

Analyse durch den Life Coach

Seit Anja in keiner Beziehung mehr und also auf sich alleine gestellt ist, hat sie Strategien entwickelt, um unvorhersehbare soziale Interaktionen zu vermeiden. Sie weiß zum Beispiel genau, wie sie Smalltalk am besten aus dem Weg geht. Diese Strategie ist aber keine Stärke, die zielführend für ein zufriedenes Leben ist.

Für ein freies und selbstbestimmtes Leben sind soziale Kontakte wichtig. Was Anja jetzt ohne ihren Freund erlebt, ist soziale Isolation und Einsamkeit. Um ihren (sozialen) Selbstwert zu steigern, ist es notwendig, dass sie lernt, ohne Angst auf andere zuzugehen.

Bei der Arbeit hat sie eine Tendenz zum Perfektionismus entwickelt. Sie versucht, Konflikten aus dem Weg zu gehen, und ist sehr harmoniebedürftig. Für einen ausgewogenen Selbst-Wert ist es aber notwendig, anderen ab und die eigenen Grenzen aufzuzeigen. Es ist wichtig, für seine persönlichen Werte einzustehen. Anja dagegen ist abhängig von der Anerkennung von außen, z.B. von ihrem Chef.

Im Laufe des Coachings hat sich Anja an viele praktische Übungen herangewagt. Weil sie bereit war, sich aus ihrer Komfortzone zu trauen, ist es ihr am Ende gelungen, ihre Schüchternheit weitestgehend zu überwinden. Sie ist zufriedener im Büro und geht dem Smalltalk mit den Kollegen nicht mehr aus dem Weg. Ihr Chef weiß, dass sie kein Rhetorik-Talent ist, schätzt aber ihre anderen Fähigkeiten.

Ein Berufswechsel kommt für sie nicht mehr in Frage und seit sie ihren Perfektionismus abgelegt hat, muss sie auch keinen Burnout mehr fürchten.

Hilfestellung durch den Life Coach

Schüchternheit ist nichts, womit man sich abfinden muss. Man kann dagegen gezielt und erfolgversprechend vorgehen. Im Vorfeld ist es jedoch wichtig, Schüchternheit von Introvertiertheit zu unterscheiden.

Ein introvertierter Mensch verspürt weniger Gefühle wie Angst oder Scham, als vielmehr ein Bedürfnis nach Ruhe. Sein Fokus liegt also eher auf sich selbst (d.h. dem introvertierten Selbst) als auf anderen. Dabei handelt es sich demnach um eine bewusste Wahl.

Jemand der schüchtern ist, fühlt sich hingegen als Gefangener seiner Gedanken und Gefühle. Diese Situation ist nicht freiwillig. Schüchterne Menschen haben das Problem, dass sie sich zu viele Gedanken und Sorgen darüber machen, was andere über sie denken.

Sie führen einen inneren Dialog mit sich selbst und vermuten zu unrecht, dass die Gedanken der anderen andauernd um sie kreisen. Diese negative Stimme in seinem Kopf ist der sogenannte innere Kritiker. Schüchterne Menschen sind zudem gefangen in typischen Glaubenssätzen:

Private Glaubenssätze:

  • Ich störe andere, wenn ich sie auf der Straße anspreche. Sie werden dann wütend.
  • Wenn ich irgendwo bin, habe ich immer das Gefühl, alle starren mich an und finden mich seltsam.
  • Andere hören an meiner Stimme, die gepresst klingt, dass ich unsicher bin und mich nichts traue.

 

Berufliche Glaubenssätze:

  • Ich halte andere von der Arbeit, ab wenn ich sie anspreche.
  • Ich habe kaum Stärken, und wenn, dann traue ich mich nicht, sie zu zeigen.
  • Ich gehöre nie wirklich zur Gruppe. Außerdem ist es dafür jetzt zu spät, denn die anderen haben kein Interesse mehr an mir.

 

Glaubenssätze überwinden

In der Life-Coaching-Praxis kann dieses negative Selbstbild, bzw. dieser negative Mindset, entkräftet werden. Es gibt viele praktische Übungen, die im Vorfeld durch Rollenspiele vorbereitet werden können. Die Psychologie spielt da eine wichtige Rolle im Life Coaching. Bei praktischen Übungen auf der Straße wird die Angst durch Desensibilisierung nach und nach verringert. Nach mehrmaliger Konfrontation mit schwachen Angstreizen verlieren die Glaubenssätze ihre angsterregende Wirkung. Das stärkt den Selbstwert. Zudem stärkt die Arbeit mit dem Enneagramm auch das Selbstbild.

Der Psychologe und Vater der kognitiven Verhaltenstherapie Albert Ellis nennt die negativen Glaubenssätze „irrationale Überzeugungen, die es zu überwinden gilt. Wie das geht, hat er durch die stoische Philosophie erfahren. Von Epiktet hat er gelernt, dass es nicht die Dinge an sich sind, die uns beunruhigen, sondern unsere Gedanken über die Dinge. Diese Gedanken verändern sich, wenn wir im Laufe der Zeit feststellen, dass andere Menschen grundsätzlich positiv reagieren, wenn wir sie ansprechen. Die Situation wird also immer öfter positiv bewertet.

Ellis selbst litt im Alter von 19 Jahren unter Schüchternheit. Ihm half es, immer wieder mit anderen in Kontakt zu treten. Nicht 10 oder 20 Mal, sondern so oft, bis sich seine Schüchternheit wirklich gelegt hatte. Sein Fazit lautete: Ohne andauernde praktische Erfahrung gibt es keine Veränderung.

Zu einer wertfreien und zielführenden Kommunikation gehört zudem, dass über jene praktischen Erfahrungen Buch geführt wird und die dabei gemachten Erfahrungen mit dem Life Coach durchgesprochen werden. Nur so wird auch der Zusammenhang zwischen Denken, Fühlen und Verhalten deutlicher:

  • Denken: Andere denken positiv über mich, wenn ich sie anspreche.
  • Fühlen: Ich fühle mich immer wohler im Gespräch.
  • Verhalten: Ich rede immer ruhiger und entspannter.

 

 

© Timo ten Barge [22.06.2019]