Sarah ist eine taffe Frau, die schon viel erreicht hat, worauf sie stolz ist. Sie ist beliebt, hat eine eigene Wohnung und gute Freunde, die sie schätzen. Ihre unverblümte, hinterfragende Art kam bei ihren ehemaligen Kollegen aus dem Versicherungswesen gut an. Dennoch zog sie damals einen Berufswechsel in Betracht, mit dem Ziel sich weiter zu entwickeln.

Auch wollte sie die verstaubte Versicherungsbranche umkrempeln, nach dem amerikanischen Beispiel von „Lemonade“. Sie begann anschließend bei einem Start-up-Unternehmen zu arbeiten, das sehr interessant auf sie wirkte. Die lockere familiäre Atmosphäre und den coolen Chef fand sie gut und sie erhoffte sich einen spannenden, selbstbestimmten Job.

Vom Chef war bekannt, dass er eigene Wege geht und sich nichts sagen lässt. Das er angeblich authentisch war. Das gefiel ihr, weil sie eine ähnliche Art hat. Seit einigen Wochen, die sie jetzt schon dort arbeitet, fällt es ihr allerdings immer schwerer, sie selbst zu sein. Ihre lockere, unverblümte Art scheint ihr abhanden gekommen zu sein. Das gibt ihr zu denken und sie fragt sich, ob sie sich hat blenden lassen und den Job womöglich nur wegen des coolen Chefs angetreten hat.

Erst letztens, bei einem Meeting, hat ihr Chef sie auflaufen lassen, obwohl ihr das Projekt, um das es ging, erst am Tag zuvor übergeben worden war – eine sehr kurze Zeit, um sich ausführlich mit den Inhalten vertraut zu machen. Nach dem Meeting verabschiedet sie sich freundlich von ihrem Chef, als ob nichts gewesen wäre.

So kennt sie sich überhaupt nicht. Früher hätte sie nicht so gehandelt. Sie hätte das klärende Gespräch mit ihrem Chef gesucht oder zumindest mit einem flotten Spruch in seine Richtung den Sachverhalt klar dargelegt. Sie hätte sich nicht fröhlich gezeigt, obwohl sie innerlich tief verletzt war. Auch im Privaten hat sie sich geändert. In letzter Zeit schreit sie (grundlos) ihren Partner an. So etwas kannte sie bisher gar nicht von sich.

Ist sie überhaupt noch authentisch, ist sie noch sie selbst? „Es ist langsam zum Verzweifeln“, meint Sarah in ihrer ersten Coaching-Session.

 

Übersicht Blog

  • Sarahs Verzweiflung
  • Was ist Authentizität?
  • Authentizität im Life Coaching
  • Authentizität im Alltag
  • Authentizität und Soziologie
  • Authentizität und Philosophie
  • Woran erkenne ich, ob ich authentisch bin?
    1) Erkenne dich selbst
    2) Stehe zu dir selbst
    3) Sei ganz du selbst

 

Sarahs Verzweiflung

Wie kommt es, dass jemand wie Sarah, die sich bisher als authentisch wahrgenommen hat, plötzlich nicht mehr an sich glaubt? Kann man seine Authentizität verlieren? Es ist hilfreich, Sarahs Entwicklung im Hinblick auf Authentizität zu interpretieren und zu analysieren. Ihre berufliche Entscheidung, sich weiterzuentwickeln, kann als authentischer Schritt gewertet werden.

Viele Menschen trauen sich nicht, den Beruf zu wechseln, wenn alles halbwegs gut läuft, und haben Angst vor Veränderungen. Die Art, wie Sarah ihren neuen Chef und das Unternehmen beschreibt, zeigt, dass sie sich von der Aura eines Start-ups und dem smart auftretenden Chef hat blenden lassen. Sie ist sich nicht treu geblieben in ihrer hinterfragenden Art. Sie hat sogar etwas schüchtern reagiert, was nicht ihre Wesensart ist. Sie weiß sich normal gut zu wehren.

Der Chef spielt seine Rolle als cooler, lockerer Unternehmer sehr gut. Es stellt sich aber schnell heraus, dass er ziemlich selbstverliebt ist und kaum über Social Skills verfügt. Sarah hat in ihrer Einschätzung, was sein Verhalten angeht, möglicherweise Authentizität mit Egoismus verwechselt. Sie hat ihre ‚Fehleinschätzung‘ mittlerweile eingesehen und kann jetzt schon darüber lachen. Sie erzählt mir dass sie kurz davor war eine Psychotherapie zu machen.

In einem klärenden Gespräch, in dem sie ihrer direkten, authentisch unverblümten Art treu geblieben ist, hat sie ihrem Chef klargemacht, dass es nicht in Ordnung ist, wie er sie behandelt. Mittlerweile wird sie auch vom dem kleinen Team respektiert, weil sie die Einzige ist, die dem Chef Paroli geboten hat. Durch ihre soziale Intelligenz ist sie für den Chef mittlerweile sehr wichtig geworden. Sie hat nämlich genau das, was ihm fehlt, Social Skills und ein authentisches Auftreten. Ihre Selbst-Anerkennung hat sie zurückgewonnen.

Was ist Authentizität?

Authentizität ist eine Übereinstimmung im Denken, Fühlen und Tun. Es ist das Handeln nach Werten und Überzeugungen. Authentisch sein, heißt offen und ehrlich seine Meinung zu sagen. Trotzdem ist es genauso wichtig zu wissen, wann vielleicht eher Diplomatie zielführend ist. Das festzustellen, ist keine Kunst, es erfordert aber einen hohen Selbstwert und Vertrauen in die eigene Intuition.

Anhand des Beispiels von Sarah sieht man, dass es wichtig ist zu überprüfen, was einen als Person ausmacht. Selbsterkenntnis ist eine absolute Bedingung für ein authentisches Auftreten. Nach Charles Taylor ist Authentizität das wichtigste, moralische Ideal unserer Zeit. Die Idee an sich kommt aus der Romantik und bezieht sich auf die Entfaltung der eigenen Entwicklungsmöglichkeiten. Im Life Coaching ist diese Entfaltung ein zentrales Thema.

Authentizität im Life Coaching

Ein wichtiger Bestandteil im Life Coaching ist das Wiederherstellen der Balance im Leben eines Menschen. Viele Menschen haben bei großen Veränderungen in einzelnen oder sogar in mehreren Lebensbereichen das Gefühl, nicht mehr ganz sie selber zu sein, nicht mehr authentisch zu sein.

Wer lange fremdbestimmt gelebt hat, immer nur Leistung gebracht hat, oft den Rat von anderen befolgt hat, sich in Abhängigkeiten begeben hat, fühlt sich innerlich gelähmt und spürt instinktiv, dass sein gesamtes Umfeld gelitten hat. Genauso gut kann es sein, dass jemand selbstbestimmt lebt, aber das Gefühlt hat, sich nicht mehr wirklich weiterentwickeln zu können, so wie es Sarah erlebt hat. Dann ist der Wunsch nach einem authentisches Leben da. Manchmal ist ein kompletter Neuanfang nötig, um zu einem selbstbestimmten, glücklichen Leben zu finden. Wenn es im Life Coaching um ein authentisches Leben geht, werden folgende 8 Punkte betrachtet.

 

Authentisch Leben: 8 wichtige Punkte im Life Coaching

1. die eigenen Werte und Ziele kennen und leben
2. Selbstreflektion und Selbsterkenntnis, mit dem Ziel zu einem authentischen Leben
3. die eigenen Emotionen zielführend einsetzen, das heißt z.B. zu wissen, wann Wut gerechtfertigt ist und wann sie selbstschädigend ist 4. die eigenen Bedürfnisse kennen und leben, das heißt zu wissen, wie man genießt, ohne in die Falle des völligen Hedonismus zu tappen
5. selbstbestimmt leben, das heißt sich nicht von den Gedanken und dem Handeln anderer abhängig machen
6. das authentische „Selbst“ nicht als etwas Feststehendes betrachten, das irgendwann endgültig erreicht ist (siehe Charles Taylor), sondern Authentizität als lebenslangen Prozess ansehen
7. wissen, wann in einer Situation Diplomatie und konstruktive Kommunikation angebracht sind, um Konflikte zu vermeiden, ohne dabei jedoch Gefahr zu laufen, sich selbst zu verleugnen.
8. erkennen, dass Selbstakzeptanz der wichtigste Pfeiler und die Basis für den eigenen Selbstwert ist

 

Authentisch im Alltag

Es besteht keine Einigkeit darüber, was im Alltag als authentisch gilt. Ist es dasselbe, wie seine Meinung direkt zu verkünden, wenn einem etwas nicht gefällt, oder andere nicht unnötig zu verletzen?

Folgt mann also besser den eigenen Impulsen und Emotionen, wie z.B. Wut durch empfundenes Unrecht, oder sollte man sich eher nach seinen Werten, z.B. Freundlichkeit richten? Sollte man z.B. bei einer öffentlichen Rede zugeben, dass man nervös ist, sogar Angst hat, oder seine Nervosität und Angst selbstbewusst und unauffällig überspielen?

Zeigt man also die (vielbeschworene) Verletzlichkeit, oder fühlt man sich wohler (authentischer) mit einem selbstbewussten Auftreten? Es kann hilfreich sein, seiner Intuition zu folgen, seinen eigenen Erfahrungen zu vertrauen, auf seine innere Stimme zu hören, anstatt auf irgendwelche Ratschläge von anderen zu vertrauen.

Authentizität und Soziologie

Es ist sehr schwierig zu definieren, was Authentizität überhaupt ist, oder gar sie zu messen. Unter den Psychologen besteht diesbezüglich keine Einigkeit und auch der Philosoph Charles Taylor wies darauf hin, dass es ein Missverständnis sei, zu denken, dass es bei einem authentischen Selbst um ein wahres, unverstelltes Selbst geht, das man einfach finden und zum Ausdruck bringen kann.

Der Mensch als soziales Wesen ist, wie er ist, erst durch den Austausch mit anderen Menschen. Deshalb ist es sinnvoller, von einem authentischen Selbst im Austausch mit anderen zu sprechen. Es ist z.B. meist nicht authentisch, wenn ich mich anders gegenüber meinen Freunden verhalte als gegenüberr meinen Kollegen an der Arbeit.

Selbsterkenntnis, so die niederländische Soziologin Christin Brinkgreve, verläuft primär über den Umweg mit anderen, also über einen Austausch mit anderen.

Authentizität und Philosophie

Seit dem 18. Jahrhundert propagieren Philosophen ein Authentizitätsideal. Rousseau betrachtete ein Leben im Einklang mit der Natur als Quelle, Inspiration, ja als Voraussetzung für ein gutes, authentisches Leben. Außerdem meinte er, dass wir das Glück nur in unserem Herzen finden können, unabhängig von der Meinung anderer.

Für Kierkegaard bedeutete ein authentisches Leben, sich selbst treu zu sein, auch wenn das beinhaltet, schmerzhafte Entscheidungen zu treffen. Aus diesen Grund löste er 1840 seine Verlobung auf, entgegen aller Konventionen jener Zeit. Er blieb sich selbst treu und zeigte, das veränderte Einsichten zu einer radikal anderen Sichtweise führen können. Er sagte: „Etwas zu wagen bedeutet, vorübergehend den festen Halt zu verlieren. Nichts zu wagen bedeutet, sich selbst zu verlieren.“

Woran erkenne ich, ob ich authentisch bin?

Der Psychologe Stephan Joseph meint, dass viele Menschen darum ringen, ihr Selbstbild aufrecht zu erhalten. Viel besser wäre es dagegen, sich mit Authentizität auseinanderzusetzen. Zu diesem Zweck hat er 3 Schritte herausgearbeitet:

1. Erkenne dich selbst!
– die eigenen Bedürfnisse kennen
– die eigenen Stärken und Schwächen kennen
– achtsam wahrnehmen können
– offen sein können
– auf das eigene Bauchgefühl hören

Im 1. Schritt geht es darum, zu reflektieren und bestimmte Abwehrmechanismen abzulegen. Es geht um Strategien, die wir anwenden, um uns vor Bedrohungen zu schützen.

Im Fall von Sarah (s. oben) würde man sich damit befassen, warum sie grundlos ihren Partner anschreit. So etwas nennt man in der Psychologie „Verschiebung“, weil Gedanken oder Gefühle (in dem Fall Wut und Ohnmacht) auf andere verlagert werden.

2. Stehe zu dir selbst! – zu seiner Meinung stehen

– zu seinen Entscheidungen stehen
– die Grenzen der eigenen Verantwortung kennen
– dem Gruppendruck nicht nachgeben
– Unbehagen aushalten

Im 2. Schritt wird die Verantwortung für die eigenen Gedanken und Gefühle übernommen. Ein authentischer Mensch lässt sich nicht blenden. Er ist bereit, Unbehagen auszuhalten und zu reagieren, wenn es erforderlich ist.

Sarah hat eingesehen, dass sie sich von dem neuen Unternehmen und dem neuen Chef hat blenden lassen. Sie hatte den Mann grundlos bewundert und hat sich daraufhin wieder auf sich selbst besonnen.

3. Sei ganz du selbst!

– sagen, wofür man steht
– Wut nicht runterschlucken
– Liebe ausdrücken gegenüber Menschen, die einem nahe sind
– offen gegenüber anderen sein, die wertschätzend sind
– ablehnend gegenüber anderen sein, die respektlos sind

Im 3. Schritt geht es darum, das Erlernte umzusetzen.

Sarah hat zurückgefunden zu ihren eigentlichen Wertvorstellungen und fühlt sich wieder im Einklang mit sich selbst.

 

© Timo ten Barge [14.02.2021]